Alexander Iwanowisch

Александр Иванович — один из героев рассказа «Menschen des vorigen Jahrhunderts» Wladimira Kaminera. Читайте и наслаждайтесь манерой написания и легкостью языка.

Im Westeuropa werden die Reiche nach der Regel sozialisiert und erzogen, dass Eigentum verpflichtet und mehr Geld mehr Verantwortung bedeutet. Vor allem aber gehen sie mit ihren Schätzen sehr vorsichtig um.
Anders in Russland. Meine Landsleute pokern gerne mit allem, was sie haben.

Alexander Iwanowisch, habe ich vor zehn Jahren kennengelernt, als ich mit meiner Frau zusammmenzog. Mir wurde Alexander Iwanowisch von meiner Frau als ein Freund aus der Vergangenheit vorgestellt.
Alexander Iwanowisch besuchte uns eines Tages ohne Vorankündigung. Er kam aus Bad Vilbel bei Frankfurt am Mein, wo er die Filiale eines russischen Allzweckkonzerns leitete, der unter anderem Stahl und Buntmetall an deutsche Abnehmer verkaufte. Alexander Iwanowisch hatte keinerlei Gepäck dabei, nicht einmal eine Zahnbürste, nur einen nagelneuen BMW und eine Penny-Markt-Plastiktüte mit hunderttausend Mark in Fünfziger-Scheinen.

In den frühen Achtzigerjahren gab es jede Menge reiche Leute in der russischen Großstädten. Einer von diesen war Alexander Iwanowisch , ein Frauenschwarm, geselliger Mensch und begnadeter Geschäftsman, der alles zu Geld machen konnte und dafür in der russischen Businesswelt geschätzt wurde. Er hatte nur ein Problem. Die libe Gott hatte ihn mit Spielsucht geschlagen. Seinen Reichtum verlor er regelmäßig wieder am Pokertisch. Manchmal ließ er dort auch den Reichtum seiner Freunde und Geschäftspartner. Nach jeder Niederlage im Kasino bekam er einen neuen Energieschub, kam auf die unglaublichsten Geschäftsideen, stand wie ein Phönix aus der Asche wieder auf, verdiente dabei Millionen und Zahlte seinen Gläubigern ihr Geld zurück. Den Rest verspielte er aufs Neue.

In den Neunzigerjahren ging Alexander Iwanowisch ins Ausland. Er verkaufte russisches Metall nach Deutschland, türkische Mehlmühlen in der Ukraine, verschob Hunderte von Gebrauchtwagen aus Frankreich nach Polen und verkaufte Tausende alte Spielautomaten aus Las Vegas nach Sankt Petersburg. Seine Geschäftskollegen wurden in den Neunzigerjahren zu Neureichen. Sie kauften sich große Häuser auf Zupern, bauten sich Villen in Nizza, hatten Bodyguards und fuhren mit einer Eskorte durch die Stadt. Alexander Iwanowisch blieb bei seinen drei Anzügen und dem BMW.
Als er bei uns aufkreuzte, war er auf der Flucht. Nach einem Metall-Deal in Bad Vilbel hätte er die russischen Lieferanten auszahlen sollen, stattdessen hatte er ein Frankfurter Kasino besucht. Die hunderttausend Mark in seiner Plastiktüte waren danach alles, was von dem Deal übrig geblieben war. Nun wollte er bei uns in Berlin für ein paar Tage untertauchen.

Meine Landsleute haben eine riesige Lebenserwartung, sie erwarten von ihrem Leben sehr viel. Die Leute im Westen leben dagegen nach dem Schildkröten-Prinzip: zwar lange, aber langsam. Mit zwanzig sind sie erst mit der Schule fertig, mit dreißig denken sie über ihren Wunschberuf nach, mit vierzig spielen sie mit dem Gedanken, irgendwann einmal eine Familie zu gründen. Die Russen dagegen wollen alles sofort und mehrmals. Oft schaffen sie es, drei Leben hinter sich zu lassen, während ihre altersgenossen im Westen gerade erst in der Mitte ihres ersten Lebens stecken.
Und so trafen wir letztes Jahr unseren alten Freund Alexander Iwanowisch in Sankt Petersburg wieder, mitten in seinem siebten Leben, im Restaurant «Schwangere Spionin», dessen Besitzer und Geschäftsführer er geworden war. Der idiotische Name dieses Lokals ist im Übrigen landestypisch.