Aus Versehen

По ошибке

Die Kurznachricht war eindeutig ein Irrläufer. Auf ihrem Display ganz unerwartet stand: „Ich liebe Dich.“

„Danke, einen so schönen Satz habe ich lange nicht gehört“, schrieb sie zurück.

Es dauerte etwas, bis ihr Handy erneut piepste.

„Entschuldigen Sie bitte das Versehen. Ich habe den falschen Text und die falsche Telefonnummer eingegeben“, las sie auf ihrem Display.

Wie konnte man „Ich liebe Dich“ schreiben, wenn es gar nicht so gemeint war?

Sie rief kurz entschlossen unter der Nummer an. Eine Männerstimme meldete sich, sie war überrascht.

„Ich habe eigentlich mit einer Frau gerechnet“, sagte sie.

„Erstaunlich, was diese Dinger alles in Bewegung bringen. Ich wollte eine Terminabsage an einen Kollegen schicken.“

„Ist ja auch irgendwie kaum ein Unterschied zwischen Ich-liebe-Dich und einer Terminabsage…“, sagte sie es mit einem leicht ironischen Unterton.

Er lachte.

„Mein Handy hat vorgefertigte Sätze gespeichert. Da steht also beispielweise: „Bitte ruf mich zurück“, „Bitte darum, unseren Termin zu verschieben“  oder „Ich komme später.“

„Schade“, sagte sie langsam, „es hat sich sehr schön gelesen.“

„Es ist der schönste Satz…wenn er stimmt… Kann ja auch nur so dahergesagt sein, aus gewissen Gründen. Ich liebe dich, weil du viel Geld hast, weil du gut aussiehst,  weil du so einen schönen Körper hast, weil dich alle anderen so toll finde, weil, weil…“

„Schlicht, weil ich dich liebe, nicht?“

„Schön wär´s!“

„Das hört sich irgendwie nicht besonders gut an!“

„Ich bin frisch geschieden.“

„Ach“, sie überlegte. „Das tut mir leid. Oder – soll es mir überhaupt leid  tun? Ich meine, wollten sie geschieden werden?

„Hm. Von ihrer Seite aus war es eine Nutzehe, hat sich jetzt herausgestellt. Ich habe an ihre Liebe geglaubt und es ausgenutzt. So war ich auch nicht besser. Jetzt haben wir die Konsequenz gezogen. Sie hat die Kinder mitgenommen, und ich sitze jetzt alleine hier!“

„Ich bin auch alleine. Man gewöhnt sich daran!“

„Ich nicht. Ich glaube, Frauen sind fürs Alleinleben besser geeignet. Ich fühle mich schlecht. Ich habe mein ganzes Leben noch keine Sekunde lang alleine gelebt. Und ohne die Kinder ist es noch schlimmer!“

„Wie packen es denn die Kinder?“

„Sie sind sieben und zehn. Eigentlich ganz gut. Wir haben versucht, ihnen gegenüber offen zu sein. Trotzdem. Ich fühle mich wie auseinandergeschnitten. Eine Hälfte freut sich über das unbeschwerte neue leben, die andere ist maßlos traurig.“

„Ich denke, Sie müssen die Situation nur annehmen, dann findet sich auch ein Weg.“

„Mag sein, dass Sie Recht haben. Und überhaupt – was erzähle ich Ihnen da eigentlich. Ich möchte Sie wirklich nicht mit diesem Kram belasten. Noch dazu, wo wir uns überhaupt nicht kennen.“

„Sie belasten mich nicht, und vielleicht ist das ja der Grund.“

„Der Grund?“

„Ja, weil wir uns nicht kennen, erzählen Sie mir das alles. Würden wir uns kennen, hielten wir wahrscheinlich Small talk. Konversation übers Wetter oder die Nachbarn oder so.“

„Mag schon sein. Trotzdem ist dies kein Grund, sie nicht kennenzulernen. Von wo aus rufen Sie denn an?“

„Ich lebe in München“, sagte sie und hielt den Atem an.

„Ich auch… „, sein Ton klang ungläubig. „So ein Zufall! Haben Sie gerade etwas zu tun?“

„Nichts Wesentliches.“

„Haben Sie es weit bis zum Literaturhaus? Kennen sie es überhaupt?“

Sie fühlte ihr Herz schneller schlagen. „Nein, das heißt, ja. Ja, ich kenne es, und nein, ich habe es nicht weit!“

„Wollen wir uns um vier Uhr dort treffen? Ich werde einen Tisch draußen reservieren und einen Strauß bunter Sommerblumen vor mir auf dem Tisch liegen haben. Was halten sie davon?“

„Das ist eine wunderbare Idee!“

Als sie eine Stunde später zum Literaturhaus ging, hatte sie sich ein feines Sommerkleid angezogen, dazu rote Schuhe, einen leichten Sommerhut und eine Handtasche.

Sie überlegte sich, ob sie ihm vielleicht  hätte sagen sollen, dass sie im Herbst achtzig Jahre alt wird. Aber sie genoss dieses Abendteuer.