Babyhärchen

Детские волосики

 

Mein Handywecker klingelte. 11:00 Uhr. Jetzt war sie gekommen, diese eine letzte Chance. Ich schaute mich im Spiegel an, das blasse Mädchen, das ich geworden war. Sah eine Fremde. Eine, die mich schon seit einem Jahr begleitete. Es sollte heute vorbei sein. Einfach vorbei. Ich holte das zerknitterte Foto aus meiner Tasche hervor. Ein kleines lachendes Mädchen mit Locken, die nicht mal aufs Foto passten. Wie oft hatte ich geweint wegen dieser Haare. Gewünscht, sie würden abfallen. Doch wer hätte geahnt, dass es wirklich passieren würde? Dass mir Büschel von Haaren in einem Jahr bis auf einen kleinen Kranz um die Glatze ausfallen würden? Langsam strich ich mir mit der Hand über die Stellen, an denen keine Haare mehr waren, während ich mir sagte: „ Es wird alles gut, alles wieder gut. Ihr müsst nur wachsen“. Es war mein tägliches Ritual, wielleicht würde es irgendwann etwas bringen.

Schon halb 12. Schnell holte ich die gepackte Reisetasche.

Mein Zug stand schon am Gleis. Ich stieg ein, suchte meinen Platz. Ich fuhr zu meinem Vater nach Berlin. Er fuhr mich hin, zur Charite, dem größten Krankenhaus Deutschlands.

Der Hautdoktor galt als einer der besten.
Ein kleiner Mann saß gebückt auf einem Stuhl. Er hatte eigentlich nur eine beunruhigende Eigenschaft: eine Glatze. Ein Spezialist für Haarkrankheiten – mit einer Glatze. Welche Ironie.

„Wo liegt denn das Problem, junge Dame?
Er erhob sich und zog eine Miniaturlupe aus seinem Kittel und schaute mir mitten auf den Kopf. Ich zählte 1, 2, 3 Sekunden, als er sich aufrichtete und murmelte. „ klassische Form von Alopezia Areata, kreisrunder Haarausfall.

«Nix zu machen, alle Follikel sind tot.“

Ich lächelte. „Wie bitte?“ Genervt schaute er mich an.

„ Da kann man nichts machen. Wenn die Follikel tot sind, sind sie tot. Man könnte höchstens ein Präparat aus Amerika ausprobieren, eigentlich für Männer ab 50 gedacht.“ Cortison innerlich äußerlich, lebensläglich? Ohne 100% Garantie? … und vielleicht wächst dir sogar ein Bart. Wegen der Hormone. Du verstehst?“

Ich lächelte noch. Die Nachricht war noch nicht zu mir durchgedrungen.

„ Die Alopezia kann auch zu Ganzkörperhaaraufall fortschreiten. Präparat ja oder nein?“.

Ich starrte ihn ungläubig an. „Nein Danke. „

Zu Hause gab ich vor, schlafen zu gehen. Ich saß jedoch die ganze Nacht ohne Tuch auf dem Balkon. Ich fühlte mich einsam, tat mir leid. Ein Mädchen nicht nur ohne Haare, bald vielleicht auch ohne Wimper, die man schminken konnte, ohne Haare auf den Beinen, über die man sich ärgern konnte, ohne Augenbrauen. Ich würde sie mir eintätowieren lassen müssen. Mir eine Perücke besorgen, dann könnte ich wenigstens jeden Tag meine Haarfarbe wechseln. Ach was für ein Spaß! Wer brauchte schon Haare? ICH NICHT. Irgendwann schlief ich ein.

Ich wachte auf, die Sonne im Gesicht. Ich hatte mit dem Kopf auf dem nackten Boden gelegen – an meinem Hinterkopf klebten Blätter und Dreck. Ich rieb mir die Augen und versuchte, den Dreck von meinem Kopf zu wischen. Ich ging ins Bad und wusch mir kurz über den Hinterkopf. Ich spürte etwas ganz Komisches hinten am Kopf. Es war weich. Es war ganz dünn und weich, kaum zu erkennen, aber sie waren da: kleine schwarze Babyhärchen.