Barby

Барби

„Steht Ihnen ausgezeichnet“, sagt die junge Kellnerin strahlend.
„Was?“, frage ich irritiert.
„Na, Sie waren doch letztes Mal noch blond“, antwortet sie fröhlich. „Als Sie beide am Wochenende hier waren…“ und lächelt nun auch meinen Begleiter an, Bestätigung suchend. Per antwortet nicht, er sieht verstört aus.
„Nein“, sage ich bestimmt und das Lächeln der Kellnerin erfriert.
„Da hat sie uns wohl verwechselt“, sagt Per. Dann greift er nach seiner Jacke, um zu gehen, obwohl ich meinen Wein noch gar nicht ausgetrunken habe. Den Rest des Abends überlegte ich, ob ich die Situation richtig gedeutet habe.

Das war vor zwei Wochen, seither sind mir immer wieder kleine Ungereimtheiten aufgefallen, über die ich mir den Kopf zerbreche. Ob er deshalb kaum noch mit mir schlief? Und wenn, dann mit so wenig Enthusiasmus.
Meine Ruhe war dahin. Wie hatte das passieren können? Ich bin kein eifersüchtiger Mensch, im Gegenteil sogar. Vertrauen ist doch die Basis einer Partnerschaft. Doch jetzt kauerte ich hier im dunklen Schlafzimmer auf dem Boden, bewegte mich mit der Vorsicht eines Juwelendiebs, um Per nicht zu wecken, der leise schnaufend im Bett lag. Mit einem Auge fixierte ich ihn, mit dem anderen sein Handy, das ich in der Hand hielt. Ich wollte endlich Gewissheit haben. Ich fand nur meine Nachrichten, die Namen von Freunden und Kollegen und den seiner Mutter. Im Gesendet-Ordner sah es genauso aus. Gerade wollte ich meine Nachforschung beenden, als mir ein Satzbeginn im Posteingang ins Auge sprang, der unter dem Namen Florian angezeigt wurde und der da lautete: „Darling… „ Ich drückte auf Anzeige und las die gesamte Nachricht.
„Darling, kaum bist du weg, vermisse ich dich schon. Wann kommst du wieder? Morgen? Frühstück im Bett? Love, Barby“
Barby? Mit Ypsilon? Ging´s noch?

In dieser Nacht tat ich kein Auge mehr zu. Das Schlimmste am Betrogenwerden ist vielleicht, dass man alles nur noch durch die Augen eines Betrogenen sehen kann. Alles wird verlogen, wertlos. Alles, was ich mit Per in den letzten Wochen, erlebt hatte, erschien mir nun wie sein Bemühen, das alte Gleichgewicht unserer Beziehung aufrechtzuerhalten, damit er weiterhin seinen Treffen mit der blonden Barbara nachgehen konnte.
Was sollte ich jetzt tun? Das Leben ist schwierig genug, auch ohne Liebeskummer, und Liebeskummer ist mit das Schlimmste im Leben. Ich musste einen Plan entwerfen, doch wie sollte dieser nur aussehen?

„Wer ist eigentlich Barbara?“, hätte ich Per beim Frühstück zu gern gefragt, doch ich hielt mich zurück. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Mein Freund hatte es wie immer sehr eilig. Er schob den Teller weg und lief in den Flur, um seine Haare vor dem Spiegel zurecht zu zupfen.
„Könnte später werden heute, mein Schatz, ich melde mich, wenn ich Genaueres weiß“, rief er mir über die Schulter zu, wie in einem schlechten TV-Film. Grollend saß ich am Küchentisch und betrachtete meinen Freund, der wie ein glückliches Kind vor dem Wandertag herumsprang, mir dann einen Kuss auf die Wange drückte und verschwand. Ich hasste ihn. Doch ich hasste ihn noch nicht genug.
Ich räumte den Frühstücktisch ab, wie ich das, warum auch immer, jeden Morgen tat, und ging dann ins Büro. Ich war ganz froh über die Ablenkung.

Den Abend verbrachte ich allein, wie so oft in den letzten Wochen, doch diesmal wartete ich nicht, denn ich hatte damit gerechnet. Ich ging als Erstes zum Friseur, danach kaufte ich mir ein neues Kleid und dann traf ich meine beste Freundin in einer Bar, um ihr alles zu erzählen. Luzie reagierte genau richtig, wie es eine gute Freundin tun sollte.
„Dieser Mistkerl! Das ist ja ungeheuerlich! Barby? Igitt! Ich habe Per ja noch nie leiden können, dieses verweichlichte Sackgesicht! Was bildet der sich eigentlich ein?
Luzies Hasstiraden kamen von Herzen, taten mir gut. Balsam für die geschundene Seele.

Als ich nach Hause kam, war es schon spät, Per lag bereits im Bett und schlief. Rücksichtlos begann ich im Bad zu rumoren, suchte in verschiedenen Schubladen nach einem Nachthemd, das Licht hatte ich dazu natürlich angeschaltet.
„Spinnst du? Kannst du nicht leise sein? Wo kommst du überhaupt her?“, fistelte er verschlafen.
„Ich war aus. Und es war lustig! Ich schlafe heute drüben. Damit knallte ich die Tür zu und ließ ihn fassungslos zurück.

Am nächsten Morgen kam ich in die Küche, als Per gerade aufstand, um ins Büro zu fliehen.
Ich sparte mir ein „Guten Morgen.“
„Also ich habe keine Zeit, dein dreckiges Geschirr wegzuräumen.“
„Was ist denn los mit dir?“
„Ich bin schlecht gelaunt!“, setzte ich daher nach, als wäre damit alles erklärt, ging ins Badezimmer und ließ ihn stehen, ohne mich zu verabschieden.
Seine Anrufe im Laufe des Tages nahm ich mürrisch entgegen: „Per? Ja, was willst du? Nein, was soll denn sein! Kann ich nicht mal schlechte Laune haben?“

Als Per von der Arbeit nach Hause kam, lag ich mit einer Augenmaske auf dem Schlafsofa und verweigerte die Kommunikation. Auch in den nächsten Tagen schikanierte ich ihn, wo ich konnte. Pers Versuche, mit mir zu reden, schmetterte ich gnadenlos nieder. Ich wartete nämlich aufs Wochenende.
Am Samstagvormittag war es dann so weit. Per saß zusammengesunken am Küchentisch. Die letzten Tage hatten ihn zermürbt, er war blass, hatte Augenringe und beinahe tat er mir leid. Aber das durfte nicht sein; wenn ich einigermaßen heil aus dieser Sache herauskommen wollte, durfte ich keine Schwäche, kein Mitleid zulassen.
„Nadia, so kann es nicht weitergehen. Bitte, sprich mit mir! Ich halte das alles nicht aus!“, bat mein Freund.
„Was willst du von mir? Soll ich dein Leben angenehm gestalten, so wie früher?
„Aber was ist nur in dich gefahren? Wir waren doch immer glücklich miteinander?“
„Glücklich! Du warst vielleicht glücklich! Schön für dich! Ich war es nicht, all die Nächte, die ich auf dich gewartet habe und nicht wusste, wo du bist! Du warst eine einzige Enttäuschung, mein Lieber!“
Und jetzt mein Totschlagargument, das ich mir bis hier aufgespart hatte:
„Du bist eine Witzfigur, ein Versager, eine Niete im Bett! Oder hebst du dir deine Energie nur für andere Frauen auf?“
Ich ergriff sein Handy, das vor ihm auf dem Tisch lag, wählte eine Nummer. Zum Glück wurde abgehoben.
„Darling! Endlich!“, guiekte eine Frauenstimme.
„Hallo Florian“, antwortete ich. „Dein Darling wird in Zukunft öfter für dich Zeit haben! Am besten kommst du gleich und holst ihn dir ab! Er muss nur noch schnell packen.“
Ich weiß nicht, ob Barby kam, um Per abzuholen. Ich verließ die Wohnung. Als ich wiederkam, war Per weg, die Wohnung wirkte leer, chaotisch und kalt. Ich begann, Möbel umzuräumen und die Bilder abzuhängen, die uns zusammen zeigten und die er alle dagelassen hatte. Irgendwo musste ich beginnen, mir ein neues Leben aufzubauen.