Ben

Seit Stunden kann ich mich auf nichts konzentrieren und mein dummes Telefon nicht aus der Hand legen. Ben wollte sich doch melden! Ich habe ihn gestern Abend kennengelernt, auf der Geburstagsparty meiner Freundin.
Hat er es vergessen? Aus den Augen, aus dem Sinn? Seit neun Uhr bin ich wach, sonst wach ich nie so früh auf. Ich ziehe Sachen an und aus, schalte den Fernseher ein, schau aber nicht hin, schlage Bücher auf, blättere mehrere Seiten um, nur um zu merken, dass ich noch immer nicht weiß, was da steht.

Endlich fiept mein Handy und ich lese: » Hey Süße, hast du heute Nachmittag Zeit? Pizza und Wein am Abend?»
Hurra! Den Rest des Tages tanze ich durch meine Wohnung voller Vorfreude.

Und jetzt sitze ich mit Ben in der Pizzeria und liebe das Leben! Ich trinke Wein. Bens halbe Pizza liegt noch auf seinem Teller, er spricht anscheinend lieber, als zu essen. Das ist gut, denn ich höre ihm gerne zu. Er erzählt viel von seiner Familie. Und er sagt nette Sachen! Gerade sagt er, dass ich schön bin und ihm gleich aufgefallen bin. Er greift einfach nach meiner Hand und streicht mit seinen Fingern darüber. Sofort kriege ich Ganzkörpergänsenaut. Ich sitze ganz still, fühle seine Berührung, während wir in die Augen schauen. Wir sind jetzt bei der zweiten Flasche Wein. Ich bin ohnehin so euphorisch, dass ich den Alkohol kaum spüre. Es ist schon ziemlich spät, als er fragt, ob ich ihn mit nach Hause nehme. Natürlich nehme ich ihn mit, man verliebt sich ja schließlich nicht jeden Tag.

«Komm bitte mit», flüstere ich verführerisch. Im Treppenhaus küsst er mich zum ersten Mal und ich muss mich am Geländer festhalten, da mir ganz schwindlig wird. In meiner Wohnung liegen wir auf dem Sofa, eng umschlungen, da sagt Ben:
» Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich dir das sagen soll… ich habe eine Freundin».
Das kann doch nicht wahr sein! Was macht er denn dann hier? War der ganze Abend nur ein Spiel für ihn? Er ist gar nicht verliebt in mich… Wie dumm bin ich bloß?
«Äh, ja und?», frage ich.
«Als ich dich gesehen habe, wollte ich dich unbedingt kennenlernen. Der Abend mit dir war so schön! Meine Freundin und ich… Wir stecken momentan in einer Krise.»

Unglücklich schaut er mich an. Er sieht aus wie ein kleiner Junge. Plötzlich tut er mir leid, ich will ihn trösten, und ich ziehe ihn an mich, halte ihn fest. Was mache ich denn nur? Ich sehne mich so sehr nach seiner Berührung… aber er hat eine Freundin, die jetzt viellecht auf ihn wartet?
Bens Gesicht ist an meinem Hals, er küsst mich, erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher. Ben hat eine Freundin, denke ich.

«Du bist so schön», sagt er, als er mein T-Shirt nach oben zieht. Nicht nachdenken. Ich spüre seine Hände, die über meinen Rücken streichen. Er küsst sich von meinem Hals nach unten, zu meinem Bauch.
«Ich will dich spüren», flüstert er an meinem Ohr, und ich stöhne und presse mein Becken gegen seine Hand.
Als ich aufwache, ist es sehr still. Ben ist weg und mir ist kalt. Er hat keine Nachricht hinterlassen. Ich fühle mich müde und erschlagen. Mein Körper riecht nach Ben, das Bettzeug, das ganze Zimmer. Ich stelle mich unter die Dusche, reiße die Fenster auf, beziehe das Bett neu. Dann lege ich mich aufs Sofa und warte.

Ich warte den ganzen Sonntag. Abends schreibt er mir:
«Sehen wir uns Mittwochabend?»
Ich überlege. Was soll ich inm schreiben?
«Und dann?», tippe ich endlich zurück.
«Dann lieben wir uns», kommt die prompte Antwort.
Mein Herz beginnt zu klopfen. Ja, ich will Ben sehen, ich will, dass er mich umarmt, mich küsst, bei mir ist. Aber seine Freundin…
«Was ist mit deiner Freundin?»
Ben lässt sich Zeit mit der Antwort. Was wird er sagen? Was bedeutet ihm, was gestern passiert ist? Vielleicht geht es ihm wie mir? Vielleicht verlässt er seine Freundin? Die beiden sind ja nicht mehr glücklich.
Ben hat zurückgeschrieben!
«Die muss es ja nicht erfahren.»
Wieder und wieder lese ich diese sechs Worte und Wut und Enttäuschung steigen in mir hoch. Die muss es ja nicht erfahren. Was soll das alles?
«So möchte ich das nicht», schreibe ich zurück. Warum sollte er seine Freundin verlassen, wenn er mich auch so haben kann? Sie braucht es ja nicht zu erfahren…
Ben antwortet mir nicht mehr.