Das Baby

Ребенок

 

Anastasia  war schon oft wütend gewesen.  Sie war sehr, sehr wütend gewesen auf den Typen, der ihr neues Fahrrad geklaut hatte, nur weil sie vergessen hatte es anzuketten.

Aber noch nie in ihrem ganzen Leben war sie so wütend gewesen wie an jenem Abend, als ihre Eltern ihr eröffneten, dass sie ein Baby bekommen würden.

„Was hast du eigentlich vor? Willst du unbedingt ins Guinness-Buch kommen?“, fragte sie ihre Mutter. „Du bist doch viel zu alt für ein Baby!“

„Mit fünfunddreißig?“, fragte ihre Mutter. „Ich bitte dich, Anastasia! Mit fünfunddreißig steht man in der Blüte seines Lebens.“

„O nein, mit zehn Jahren“, korrigierte Anastasia ihre Mutter. „Mit zehn Jahren steht man in der Blüte seines Lebens!“

„Irrtum, meine Lieben“, erklärte Anastasias Vater ungerührt. „ Die Blüte des Lebens  erlebt man mit fünfundvierzig. Ich stehe in der Blüte meines Lebens!“

„Egal“, sagte Anastasia. „Jedenfalls braucht ihr kein Baby. Ihr habt mich.“

Ihre Mutter starrte traurig vor sich hin.  Ihr Vater verdrehte die Augen.

„Ja“, sagte er, „wir wissen, dass wir dich haben.“

„Und, was ist jetzt?“, fragte Anastasia nach einer Weile. „Wollt ihr es euch vielleicht doch noch anders überlegen?“

„Dafür ist es zu spät, Anastasia.“, sagte ihre Mutter.

„Es ist ein fait acompli“, ergänzte ihr Vater.

„Du weißt genau, dass ich kein Griechisch verstehe, Papi.“

„Das war Französisch.“

„Na schön, dann eben Französisch. Ich verstehe auch kein Französisch.  Habt ihr euch sicher auch schon Gedanken darüber gemacht, wo ihr dieses…, hm, dieses Baby in dieser extrem winzigen, total überfüllten Wohnung unterbringen wollt, oder?“, fragte Anastasia betont langsam.

„Ja“, antwortete ihr Vater. „Darüber haben wir uns tatsächlich schon den Kopf zerbrochen. Irgendwelche Vorschläge?“

„Klar“, sagte Anastasia und erhob sich. „Ist doch ganz einfach. Es kann mein Zimmer haben. Ich ziehe nämlich aus. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss packen gehen.“

Wütend stapfte sie über den Flur in ihr Zimmer. Sie packte ihre Sachen in Vaters Reisetasche.

Dann kehrte zurück ins Wohnzimmer. Ihre Eltern tranken immer noch Kaffee.

„Entschuldigt die Störung, aber ich hätte gerne noch die silberne Tasse,  auf der mein Name steht, die Großmutter mir zu meiner Geburt geschenkt hat.“

Ihre Mutter ging an den Geschirrschrank, um die Tasse zu holen.

„Weißt du, Anastasia“, sagte ihr Vater. „Das Baby wird doch erst Ende März geboren. Deshalb brauchst du nicht gleich auszuziehen. Wie wär´s, hättest du nicht Lust, wenigstens bis Weihnachten zu bleiben?“

Anastasia gab keine Antwort. Aber sie überlegte. Eigentlich wäre es ja ganz nett, Weihnachten  noch hier zu verbringen.

„Welchen Namen  habt ihr euch für das Baby ausgedacht?“, fragte sie.

„Du meine Güte“, antwortete ihre Mutter. „Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Hast du vielleicht einen Vorschlag?“

„Ich habe eine Idee“, rief ihr Vater. „Ich finde, wir sollten die Entscheidung über den Namen Anastasia überlassen. Schließlich ist es ihr Bruder.“

„Aber ich werde doch gar nicht mehr hier sein“, gab Anastasia zu bedenken.

„Ach ja, richtig“, sagte ihr Vater. „Das hatte ich einen Augenblick vergessen! Aber ich mache dir einen Vorschlag: Falls du dich zufällig doch entschließen solltest bei uns zu bleiben, darfst du für das Baby einen Namen aussuchen!“

„Alles, was ich will?“

„Alles, was du willst“, versicherte  ihr Vater.

Anastasia stand unbeweglich da und überlegte.

„Okay“, sagte sie schließlich. „Ich werde bleiben, aber dafür darf ich den Namen des Babys aussuchen. Mama, du kannst die Tasse wieder zurückstellen.“

Sie ging wieder in ihr Zimmer und packte die Reisetasche aus. Teddybär, Wasserfarben, Sweatshirt, grünes Notizbuch, Unterhosen und den Orang-Utan. Während sie auspackte, überlegte sie die ganze Zeit fieberhaft.

Sie setze sich auf ihr Bett, nahm einen Stift und schlug ihr grünes Notizbuch auf einer der hinteren Seiten auf, die bislang noch leer waren.

In eine Ecke schrieb sie den Namen, den sie für das Baby ihrer Eltern ausgesucht hatte. Es war der abscheulichste Name, den sie je gehört hatte. Als sie ihn notiert hatte, grinste sie hämisch und klappte ihr Notizbuch wieder zu.