Das Geschenk

Подарок

 

Es war kurz vor acht Uhr. Seit einer Viertelstunde lag Bastian wach und wartete auf Geräusche in der Wohnung. Er schaltete das Radio ein und erwischte sofort seine Lieblingsmusik. Er sprang aus dem Bett, in die Pantoffeln und in das neue Lebensjahr. Genaugenommen hatte er erst in vier Stunden Geburtstag. Vor dreizehn Jahren war er um zwölf Minuten nach zwölf Uhr geboren worden.

Er öffnete das Fenster und blinzelte in die Julisonne. Seltsam, an Schultagen war er ein Morgenmuffel. Seine Mutter musste  ihn oft mit sanfter Gewalt aus dem Bett zerren. Es müsste Klassen geben ausschließlich für Morgenmuffel, mit morgenmuffeligen Lehrern: Schulbeginn nicht vor vierzehn Uhr.

Dreizehn! Endlich dreizehn! Erwartungsvoll betrachtete er sich im Kleiderschrankspiegel. Er sah aus wie gestern. Ein durchschnittlicher Junge mit durchschnittlichen Leistungen in der  Schule.

Aber jetzt war er ein Teenager! Das Wort zerging ihm auf der Zunge wie Vanilleeis. Für welchen seiner Wünsche die Eltern sich wohl endschieden hatten? Fahrrad oder Player  oder beides…?

„Hat das Geburtstagskind ausgeschlafen?“ hörte er Mutters Stimme. Mutter drückte und küsste ihn und fragte, ob er gut geschlafen habe. Bastian befreite sich aus der Umarmung und schnappte nach Luft.

„Ich bin jetzt ein Teenager“, erklärte er mit wichtiger Miene.

Sie frühstückten auf dem Balkon. Es duftete nach Kaffee, heißer  Schokolade und frischen Brötchen.

Auf den Geburtstagstisch: Luftballons, Gummibärchen und Schokoriegel, kein Fahrrad, statt dessen ein rechteckiges Päckchen mit einer roten Schleife. Der Größe nach zu urteilen, konnte darin der Player stecken.

Bastian packte mit flinken Fingern aus. Fehlanzeige! Er verbarg seine Enttäuschung hinter dem Jugendlexikon.

„Gefällt es dir? Fragte Vater.

„Ja, danke.“

„In Zukunft wirst du auf alle Fragen eine passende Antwort wissen“, meinte Mutter.

Bastian setzte sich an den Frühstückstisch, obwohl ihm der Appetit längst vergangen war.

„Du hast etwas übersehen“, sagte Vater. Er wedelte mit einem Briefumschlag.

Bastians Miene hellte sich auf. Sein Herz schlug hart. Hatte er  nicht kluge Eltern? Sie gaben ihm Geld, und er durfte das Fahrrad selber aussuchen. So gab es keinen Ärger wegen der Farbe oder der Anzahl der Gänge.

Er fetzte das Kuvert mit dem Brotmesser auf: eine Eintrittskarte, links zwei Löwen, rechts ein Tiger, in der Mitte  — Circus Roncalli.

„Freust du dich? Wir machen uns einen lustigen Abend“, sagte Mutter.

Bastian legte die Karte in das Lexikon. Er hätte gerne Freude und Dankbarkeit gezeigt, aber er war ein miserabler Schauspieler.

„Wenn wir uns nicht mehr an kleinen Dingen erfreuen können“, belehrte Mutter, „ist es schlimm um die Zukunft der Menschheit bestellt. Man muss auch mal verzichten können!“

Das klang wie Hohn in seinen Ohren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie gar kein Auto gebraucht, kein neues und kein altes.

Bastian huschte in sein Zimmer, er hatte keine Lust auf weitere Moralpredigten. Er fischte ein paar Münzen aus seiner Sparbüchse, steckte das Geld in die Hosentaschen und verlass das Haus.

Mit einem Steingesicht spazierte er durch das Viertel, kickte seine Wut gegen jeden Stein, der auf seinem Weg lag. „Zirkus“, grummelte er. „Kinderkram.“

An einem Kiosk kaufte er sich eine Dose Cola, eine Tüte Chips. Er musste die Zirkus-Show über sich ergehen lassen wie einen Termin beim Zahnarzt. Er trabte nach Hause.

„Mutti hat extra für dich Spaghetti mit Hackfleischsoße gekocht“, sagte Vater vorwurfvoll.

„Hättest uns wenigstens sagen können, dass du das Mittagessen ausfallen lässt. Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Um drei Uhr kommt Oma“, erinnerte Mutter.

Bastians Gesicht hellte sich auf. Oma hatte er total aus dem Gedächtnis gestrichen. Vielleicht fand der bis dahin missratene Geburtstag einen versöhnlichen Abschluss. Er wechselte das T-Shirt und die Laune.

„Und was haben mein lieber Sohn Alfred und meine liebe Schwiegertochter Eva ihrem Teenager geschenkt?“ wollte Oma von Bastian wissen.

„Lieber zähle ich auf, was ich nicht gekriegt habe“, antwortete er mit grimmiger Miene. „Kein Fahrrad, keinen Player… Bastian holte rasch das Jugendlexikon, zeigte es Oma.

„Ausgezeichnet“, sagte sie. „Heutzutage kann man gar nicht genug wissen. Ich belege zwei Kurse in der Volkshochschule, Englisch und Kunstgeschichte.

„Man kann aber auch nicht alles wissen“, brummte Bastian. Er ärgerte sich, weil Oma plötzlich auf der Seite der Eltern stand. Es fehlte nur noch, dass sie sich nach seinem Zeugnis erkundigte, und der Tag war tatsächlich ein Griff ins Klo.

„Fast hätte ich es vergessen“, sagte Oma. Sie kramte in ihrer Handtasche und legte einen Briefumschlag neben Bastians Teller.

„Willst du nicht nachsehen, was drin ist?“ drängte Mutter.

Bastian verbarg seinen Widerwillen nicht, als er in das Kuvert langte: Circus Roncalli. Logenplatz…