Das Nachdenken

Размышление

Bei der Wahl ihrer Männer pendelte sie zwischen Raserei und Sicherheit hin und her. Sven Stollerman war ein Psychopath gewesen, Ben Wing dagegen ein konservativer Arzt.

Sie sah Kevin an, den sie fast liebte. Mit Kevin solch ein geregeltes Leben zu führen würde Kapitulation vor den mittleren Lebensjahren bedeuten. Trotzdem wollte sie sich nicht weiter von der Liebe beuteln lassen wie früher. Das war einfach zu strapaziös. Sie hatte Stefan allzusehr geliebt, und seinen Weggang hatte sie als einen allzu schmerzlichen Verlust empfunden.

Kevin. Wer würde nach ihm kommen? Bald war sie vierzig, und so konnte es nicht ewig weitergehen. Bedeutete vierzig ein Ende von Liebe und Verirrung? Würde sie friedlich in ihre Pantoffeln schlüpfen, um für die nächsten vierzig Jahre am Kamin ihr Nickerchen zu machen?  Würde sie aufhören, ihre extravaganten Modellkleider aus lavendelfarbigem Samt zu tragen? Würde sie sich bieder kleiden, als respektgebietende Matrone? Würde sie ihre weichen Kontaktlinsen und die riesigen Sonnenbrillen für Bifokalgläser eintauschen? Würde sie stricken, statt zu ficken? Würde sie sich damenhaften Hobbys widmen, wie etwa Bilder aus gepressten  Trockenblumen fertigen, oder würde sie Sandplätzchen backen und diese zu horrenden Preisen dem Delikatessenhändler am Ort verkaufen?

Bedeutete das vierzigste Lebensjahr das Ende der Liebe – und wenn ja, worüber zum Teufel sollte sie dann schreiben?

„Woran denkst du?“ fragte Kevin.

„Ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll“, log sie. „ Ich komme mir ziellos und verloren vor, als hätten sich alle Gegebenheiten meines Lebens plötzlich geändert, ohne dass ich weiß, was an ihre Stelle treten wird.“

„Was wünschst du dir am meisten. Ich meine: für deine kommende Lebenshälfte?“ fragte Kevin.

„Ich möchte meinen Garten bestellen. Ich möchte wieder blühen, wieder in der Erde Wurzeln schlagen und wieder blühen…“

„Dann wirst du es auch. Der Boden ist nur vorübergehend gefroren, deshalb bist du ziellos und verloren. Wenn der Frühling kommt, wirst du wieder Wurzeln schlagen und blühen. Das verspreche ich dir.“