Das Treffen

Встреча

 

„Und jetzt liebe Zuhörer und Zuhörerinnen: der Sommerhit des Jahres, seit drei Wochen die Nummer 1 der Charts, bei unseren Hörern mit „Vayamos compafieros“ von Marguess -für Euch zum Mitsingen. Wünsche allen einen wunderschönen Nachmittag. Es ist 15.27 Uhr Radio Max – die beste Musik.“

Draußen ist Sommer. Draußen ist es warm. Ich lehne mich aus dem Fenster unserer Wohnung im dritten Stock. Vor mir sehe ich die Stadt, die Menschen. Unbekannte Gesichter. Vielleicht seines dazwischen — irgendwo da?
Nur noch 24 Stunden, 1.440 Minuten oder 86.400 Sekunden und ich sehe ihn zum ersten Mal, nach 18 Jahren, zum ersten Mal. Meinen Vater. Wie wird er sein? Wie mag er aussehen? Sehe ich ihm ähnlich?

Ich fühle mich so leer. Am liebsten würde ich lachen und weinen zugleich. Ach, nun stell Dich nicht so blöd an. Du wolltest ihn doch einmal sehen – was ist schon dabei? Du musst morgen stark sein. Dich ihm zeigen. Zeigen, dass du prima ohne ihn ausgekommen ist – auch wenn es eine Lüge ist, wenigstens so tun, als ob alles gut wäre. Was interessiert ihn schon meine Person und meine traurige Kindheit?

Jetzt hat er eine neue Familie – auch eine Tochter. Ob er sie wohl oft im Arm hält? Ich bin für ihn Luft. Was ist, wenn er unser Treffen absagt, weil er beschäftigt ist, vielleicht vergisst er es auch?
„… und hier die aktuelle Verkehrslage..“ Ich schalte das Radio aus und lehne mich wieder ans Fenster.

Hier habe ich als kleines Kind öfters gestanden – nie habe ich ihn gesehen. Trotz der Wärme wird mir kalt. Ich schließe das Fenster.

Draußen ist Sommer. Ein gewöhnlicher Nachmittag im Sommer. Ich stehe draußen. Er auch: meine Augen, meine Hände.

„ Hast du Lust auf ein Eis?» Fragt Papa.