Der Anruf

Звонок

„Für dich. Dein Mann hat wohl Sehnsucht.“

„Blödsinn, ich bin erst heute Morgen losgefahren.“

Mein Mann war kein Mensch der Sehnsüchte, auch wenn ich oft hoffte, dass könnte sich noch ändern.

Wir lebten auf dem Land, ungefähr 150 Kilometer von Hamburg entfernt. Nordseeküste, dicht am Meer, aber auch am Ende der Welt. Es war schön dort. Bernd stammte aus dem Dorf, für meinen Job war es allerdings ein schlechter Standort. Ich besuchte im Außendienst Kunden in Hamburg und Niedersachsen, musste  häufig auswärts übernachten. Wenn ich Termine in Hamburg hatte, wohnte ich bei meiner Schwester.

Ich nahm Ines den Hörer aus der Hand.

„Na, Bernd, was habe ich vergessen?

„Ich muss mit dir reden.“

Es war etwas in seiner Stimme, das mich dazu brachte, den Platz neben meiner Schwester zu verlassen.

„Worüber?“

Wir waren fast zehn Jahre verheiratet. In den letzten vier Jahren hatte sich etwas zwischen uns verändert.

Bernd war kein Mann, der gern über Gefühle sprach.

„Ist etwas passiert?“

„Ja, nein, ich meine, ich habe nachgedacht“.

„Und worüber?“

„Ich, ähm, also, Christine, ich will mich von dir trennen.“

Der Blitz schlug ein. Mir wurde schlecht, ich spürte meinen rasenden Herzschlag und ich begann zu zittern.

„Hast du was getrunken? Was ist denn passiert? Heute morgen war doch noch alles in Ordnung. Was soll das denn alles heißen? Bernd, sag doch was!“

Bernd schwieg.

Ich verstand nichts von dem, was hier gerade passierte. Das Wochenende war wie immer gewesen. Samstag hatten wir bei unseren Nachbarn eine Party gefeiert, es war nett, alle hatten gute Laune. Bernd ging schon relativ früh nach Hause, sagte mir, ich solle ruhig noch bleiben, er hätte nur schon zu viel Wein getrunken und wäre müde. Als ich später zurückkam, lag er im Bett und schlief.

Und jetzt, vierundzwanzig Stunden später, das.

„Bernd, bitte, du kannst mich doch nicht einfach bei Ines anrufen und mir so was um die Ohren hauen.“

„Es ist nur so, dass mir alles zu viel wird, das Haus, mein Job, unsere Ehe. Das Laben ist so kurz.“

Ich begriff nichts.

„Wieso das Haus? Dann müssen wir sehen, ob wir was ändern können. Das kriegen wir doch zusammen hin.“

„Darum geht es doch nicht. Ich will einfach nicht mehr mit dir leben.“

Mir war unglaublich schlecht.

„Aber da müssen wir doch drüber reden, das geht doch nicht am Telefon.“

„Wann bist du denn wieder hier?“

Mein Reiseplan hing seit Jahren in der Küche. Bernd wusste trotzdem nie, wo ich wann war.

„Ich verschiebe meine Termine irgendwie. Ich komme morgen Abend nach Hause.“

„Gut, dann reden wir. Das ändert aber nichts an meinem Entschluss.“

In diesem Moment begriff ich, dass er es wirklich alles so meinte und was hier passierte. Mein ganzer Körper fühlte sich fremd an.

Ich drückte den roten Knopf und legte das Telefon auf den Schreibtisch.

Dann ging ich langsam ins Wohnzimmer.

„Na endlich.“ Ines sah mich an. „Um Gottes willen, Christine, was ist denn passiert?“

„Bernd will sich von mir trennen. Das Leben sei zu kurz.“

Und dann kamen die Tränen. Und dieser brutale Schmerz.

Ines war gelernte Kinderkrankenschwester, sie konnte mit hysterischen Kleinkindern umgehen, das funktionierte auch bei älteren Schwestern.

Ich hatte ihr von den letzten Jahren meiner Ehe erzählt.

Bernds Gleichgültigkeit, seine  Unzuverlässigkeit, sein ewiges Stöhnen über den Stress in seinem Job, sein Abblocken aller Gespräche, meine Unzufriedenheit. Und schließlich die verletzende Tatsache, dass Bernd nur noch mit mir schlief, wenn er angetrunken war.

Es gab keine Streitereien, wir hatten bei all dem einen netten Umgang miteinander.

„Für mich hört sich das alles nach einer anderen Frau an.“

„Das hätte ich gemerkt.“

„Jetzt versuch mal klar zu denken. Was passiert bei diesem Gespräch? Willst du um deine Ehe kämpfen?“

„Was soll ich denn machen, wenn mir jemand sagt, dass er nicht mehr mit mir leben will? Ihn versuchen zu überzeugen, dass ich doch gar nicht so übel bin? Nach zehn Jahren?“

Ines hatte bereit einen Kugelschreiber in der Hand.

„Gut. Also neu. Wo willst du hin?“

„Ich ziehe  nach Hamburg. Ich kann nicht allein in diesem Haus in diesem Kaff leben. Das ging mit Bernd und ihm zuliebe. “

Mir liefen schon wieder die Tränen.

„Dann suchen wir dir hier eine Wohnung. So eine richtig schicke. Du kennst die Stadt, hast hier Kollegen und Freunde und kommst endlich aus der Provinz raus.“

Ich putzte mir die Nase und beruhigte mich. Plötzlich fiel mir ein.

„Und was ist mit Anja?“

Anja war meine längste und beste Freundin. Ich hatte sie nach ihrer Scheidung vor einigen Jahren überredet, von Hamburg in meine Nähe zu ziehen. Sie und ihre beiden Kindern. Wir wohnten jetzt fünf Kilometer auseinander. Ich würde sie jetzt im Stich lassen. Ich würde auch meine Katze im Stich lassen müssen, ich kannte keinen Zahnarzt, keine Autowerkstatt, keinen Bäcker, alle vertrauten Wege waren weg.

Ich sah die letzten drei Stunden dieser Nacht immer wieder dieselben Bilder. Bernd, braungebrannt, als ich ihn kennen lernte, wir beide am Strand, auf Partys, im Garten, in Portugal im Urlaub, sein Gesicht morgens, mittags, abends.

Während mir die Tränen übers Gesicht liefen, glaubte ich felsenfest, dass ich die liebe meines Lebens  verloren hatte.

Die nächsten Tage und Wochen vergingen wie im Nebel. Ich erfüllte die Termine wie geplant, besichtigte unzählige Wohnungen. Wenn ich keine Wohnungen besichtigte, fuhr ich zu meinen Eltern nach Sylt, lief stundenlang am Strand entlang, heulte und schlief viel.

Es war Anfang April. Ines hatte eine Wohnung für mich entdeckt, die ich auch bekommen hatte. Neunzig Quadratmeter, Terrasse, Kamin, Balkon vor der Küche. Mir war dadurch sehr viel leichter ums Herz.

Von Anja hatte ich wenig gehört.

„Ich finde das nur komisch. Sie ist deine beste Freundin und du hast seit sechs Wochen nichts von ihr gehört. Weiß sie eigentlich, dass du die Wohnung hast?“

„Das erzähle ich ihr morgen. Karola hat Geburtstag, da fahre ich dann hin.“

Als ich am nächsten Tag mit einem Geburtstagsgeschenk in der Hand zum Auto ging, folgte Bernd mir.

„Wo willst du denn hin?“

„Karola hat heute Geburtstag. Sie wird zehn.“

„Hast du Zeit, zum Kindergeburtstag zu gehen? Ich dachte, du willst packen.“

„Das Packen schaffe ich schon noch. Ich habe noch zwei Wochen Zeit.“

Als ich bei Anja klingelte, öffnete Karola die Tür und sprang mir sofort an den Hals.

„Da bist du ja endlich, bist du wieder gesund?

Anja stand vor dem Herd und rührte konzentriert in einem Topf. Sie hob kurz den Kopf, um mir zuzunicken.

„Hallo, Christine, wie geht es?“

Ich war verblüfft.

„Hallo, Anja, nicht besonders.“

Sie sah mich nicht einmal an.

Mir wurde plötzlich ganz kalt. Erst war es nur ein Gefühl, dann fing mein Hirn an zu arbeiten.

„Anja?“

Sie schwieg und rührte.

Ich nahm meine Tasche und meine  Jacke  und ging.