Der Hummer

Омар

Es begann damit, dass ich anlässlich der erfolgreichen Absolvierung des letzten Teils meiner Diplomprüfung, zwei Flaschen Sekt, Mayonnaise und einen lebenden Hummer nach Hause trug.
Thomas umarmte mich. Thomas ist Maler, das heißt Künstler.

Als ich jedoch den Hummer in das kochende Wasser gleiten lassen wollte, entriss Thomas ihn mir und verschwand damit in seinem Arbeitszimmer.
Ich kenne diese Momente, wenn die Inspiration ihn überkommt, stellte den Herd ab, öffnete die eine Sektflasche und machte mir ein Käsebrot.
Nach Ablauf von etwa einer Stunde betrat ich mit der zweiten Flasche Sekt Thomas Zimmer. Er hat es nicht gern, wenn sein Schaffensfluss unterbrochen wird.

„Tommy“, sagte ich einfühlsam, „brauchst du auch ´n Schluck Sekt?“ Der Hummer lag – angestrahlt von der Schreibtischlampe – auf einem Podest aus Büchern und verhielt sich für ein Modell.
Tom fertigte in dieser Nacht genau 111 Skizzen des Hummers an, davon drei Aquarelle, zwei in Kreide. Am nächsten Morgen war der Hummer ungenießbar und der Sekt sowieso alle.

„Ich will den Zerfallsprozess malen“, verkündete Thomas mit vibrierender Stimme und klaubte den Hummer wieder aus dem Mülleimer.
„Ein Hummer zerfällt nicht so schnell“, dozierte ich, „der hat ein Außenskelett! Aber er stinkt.“
Thomas sah mich verständnislos an.

Meine Freundin Sabine lachte höchst unsensibel, als ich ihr mein Leid klagte, und meinte:“ sei bloß froh, dass du kein frisch geschlachtetes Lamm mitgebracht hast.
In den folgenden Wochen hielt ich mich jedenfalls überwiegend in der Bibliothek auf.

Der Hummer hörte dann vermutlich irgendwann auf zu stinken, aber mittlerweile roch ohnehin alles in unserer Wohnung. Man gewöhnte sich schließlich daran, ebenso wie an eine S-Bahn, die alle zehn Minuten am Fenster vorbeifährt und die man auch nicht mehr hört.
Tommy allerdings wurde mit der Zeit etwas eigenartig. Stundenlang saß er vor dem Hummer und betrachtete ihn. „Sieh mal“, überlegte er, und man spürte seine Erschütterung, „ist es nicht unsagbar schmerzlich, eine Kreatur so vergehen zu sehen?

Was machst du eigentlich im Moment?“ erkundigte er sich.
Ich informierte ihn, dass ich an meiner Diplomarbeit arbeitete.
„Oh, wunderbar“, sagte er mit normaler Stimme. „Dann koche ich ab sofort, damit du mehr Zeit hast.“
Und dann kochte Tom das Ragout. Schon der Geruch machte mich fast wahnsinnig, und ich hätte das halbgare Fleisch aus dem Topf essen können, aber Tommy bestand darauf, dass ich auf dem Sofa liegenblieb.

Es war fast wie früher. Wir aßen bei Kerzenschein, ich das Ragout, er einen Käsepfannkuchen.
„Warum guckst du mich dauernd so an?“ fragte ich mit vollem Mund.
„Es freut mich, wie es dir schmeckt, wenn ich es auch nicht verstehen kann“, antwortete Thomas.
Und es schmeckte wirklich wunderbar. Interessant gewürzt.
„O Tommy“, sagte ich dankbar, „du hast dich selbst übertroffen. Wonach schmeckt das bloß so gut?“
„Bloß ´n paar Kräuter“, wehrte Thomas bescheiden ab, „alles rein biologisch!“
Mein Kopf wird immer komischer. Ich glaube, ich muss einfach schlafen. Tom, komm doch noch mal und deck mich richtig zu, ich bin so träge!
Und da steht er schon in der Tür, er lächelt, und in der Hand hat er seinen großen Skizzenblock und die extraweichen Bleistifte.