Der Martin

Мартин

Es ist 19.55 Uhr. Wir sind um zwanzig Uhr verabredet. Ich und Martin. Wir haben uns vier Wochen nicht gesehen. Martin war in München, um sein erstes eigenes Projekt zu betreuen. Er ist bei einem Pharmakonzern angestellt, ganz wichtig und ganz kompliziert, für mich bedeutet es vor allen Dingen, dass er übertrieben viel arbeitet und kaum Zeit für mich hat.
Jetzt ist er wieder hier, doch statt sofort zu mir zu kommen, hat er mich in dieses Restaurant bestellt, denn er möchte mit mir reden.

Ich bin nervös und nehme erst mal einen großen Schluck Wein aus dem Glas, dann schau ich in die Speisekarte. Martin will mir etwas sagen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es nichts Erfreuliches ist. Er gibt sich galant, schenkt mir Wein nach.
„Du wolltest mir doch etwas sagen? Dafür hast du mich doch hierher bestellt!“
„Also gut… ich muss dir etwas sagen“, beginnt er dann, nur um wieder zu verstummen.
Ich beginne, nervös auf meinem Stuhl zu kippeln. Was will er mir sagen?
„Jetzt sag mir endlich, bitte!“
„Also gut, Jana“, setzt Martin an, „also, als ich in München war… da habe ich jemanden kennengelernt… eine Kollegin… also eine Frau…“
„Du hast eine andere… Wie lange geht das schon?“, frage ich.
„Na ja, also wir kennen uns seit vier Wochen.“

Es ist, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Seit vier Wochen hat er etwas mit einer anderen Frau! Und deswegen durfte ich ihn nicht besuchen. Zu viel Arbeit, pah!
„Und deshalb sollte ich dich nicht besuchen, weil du lieber mit dieser Münchenschlampe rumgemacht hast“, fauche ich ihn an.
„Jana, jetzt wird mal nicht kindisch, bitte. Ich hatte wirklich zu viel zu tun! Und Birgit und ich, wir arbeiten zusammen.“

Es ist wie ein Schlag in den Magen. Heiße Tränen schießen mir in die Augen.
„Aber Jana, jetzt weine doch nicht, bitte!“
Erst jetzt wird mir bewusst. Er will mit mir Schluss machen. Ich liebe ihn doch! Wie kann es sein, dass er mich plötzlich nicht mehr liebt?
„Und jetzt? Was ist jetzt mit uns?“, erläutere ich meine Frage.

Martin sieht mich ratlos an, schweigt, fast so, als hätte er sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Das darf doch nicht wahr sein! Schon früher hat er alle unangenehmen Entscheidungen mir überlassen. Er hat diese Art, so zu tun, als wäre er nur beobachtender Teilnehmer, auch wenn es eigentlich um ihn geht. So wie jetzt. Er schaut mich hilflos an und wartet, dass ich etwas sage.

„Bist du jetzt mit Birgit zusammen?“, frage ich endlich.
„Nein, aber nein! Ich bin doch mit dir zusammen!“
„Martin! Wenn du mit mir zusammen bist, warum sitzen wir denn dann hier und du erzählst mir, dass du seit vier Wochen was mit dieser Birgit hast? Liebst du mich nicht mehr?“
„Jana… doch natürlich. Aber es ist irgendwie nicht mehr so wie früher zwischen uns… Ich liebe dich, aber es ist alles so routiniert geworden, und…“
„Und jetzt willst du Schluss machen?
„Nein… na ja. Aber ich fühle mich so schlecht…“
„Ach Martin! Bitte nicht. Wenn du dich schlecht fühlst, dann entschuldige dich doch bei mir! Bitte mich um Verzeihung, sag, dass es ein Fehler war, nie wieder passiert, sag, dass du mich liebst und mit mir zusammen sein möchtest. Sag, dass du mich nicht alleine lässt.“

Martin sagt es nicht. Er steht nicht auf, nimmt mich nicht in den Arm, er sagt nicht, dass alles wieder gut wird. Er bleibt sitzen.
„Es tut mir leid“, sagt er mit brüchiger Stimme. „Ich wollte dir nicht wehtun. Aber wir könnten doch auch nicht so weiter machen, als sei nichts geschehen. Nach dem, was ich getan habe…“

Herrje, jetzt verstehe ich. Er will, dass ich Schluss mache! Er ist zu feige dazu, also wartet er, dass ich ihm die Entscheidung abnehme.
„Jana, du hast es nicht verdient, so behandelt zu werden. Ich bitte dich nicht um Verzeihung, denn das geht nicht, ich habe dich betrogen, und so etwas ist unentschuldbar…“
Oh nein, er hat es tatsächlich gesagt.
„Du machst es dir ja ganz schön einfach!“, sage ich.
„Nein, Jana! Ganz und gar nicht. Du weiß gar nicht, wie ich mich fühle! Wie schlecht es mir geht! Ich wollte das alles nicht…“

Ich greife nach meinem Glas, doch es ist leer. Auf einmal verspüre ich den unbedingten Drang, ganz viel Alkohol zu trinken, mich zu betäuben, obwohl ich genau weiß, dass es nicht hilft, den Schmerz nicht lindert.

„Es tut mir so leid…“, sagt Martin. Er hat offenbar alles gesagt, für ihn ist die Sache erledigt. Ich sollte aufstehen, gehen, es führt zu nichts, mir noch zehnmal anzuhören, wie leid es Martin tut. Doch es ist so schwer, das zu akzeptieren, so schwer zu gehen.
„Ja, mir tut es auch leid. Ich gehe jetzt besser“, zwinge ich mich zu sagen. „Mach´s gut!“

Dann drehe ich mich um und laufe wie ferngesteuert auf die Tür zu. Schließlich habe ich ja ein Ziel, auch wenn es erst mal nur die Tankstelle ist. Morgen werde ich mir ein besseres überlegen.