Der Outsider

Аутсайдер

Ich war fünfzehn und kannte Tim von der Schule. Er war älter und in einer der oberen Klasse. Er fiel auf, aber natürlich sah er mich nie. Doch als ich eines Tages mit dem Bus von der Schule nach Hause fuhr, stieg er auch und setzte sich mir gegenüber.
„Busfahren ist scheiße“, sagte er wie zur Begrüßung und dann, dass sein Fahrrad geklaut worden sei. Wir unterhielten uns, als würden wir das schon immer tun. Beim Aussteigen fragte er nach meinem Namen.

Er gehörte zu den Coolen, die im Grunde nichts in ihrem Leben auf die Reihe bekommen, aber das interessiert zu diesem Zeitpunkt noch kaum jemanden. Außer vielleicht die Lehrer. Die Unangepasstheit verleiht einen Rebellenstatus, macht extrem anziehend. Wer mit ihnen befreundet ist, ist ebenfalls cool. Ich hoffte, Tim würde mich grüßen, wenn wir uns in der Schule über den Weg liefen.

Am nächsten Tag stieg Tim wieder ein, unterhielt sich mit mir und fragte, ob wir uns mal treffen wollten.
„Ich hab nichts vor“, antwortete ich. Er grinste und sagte: „Dann komm doch mit.“
Er nahm mich mit in einen Supermarkt, wo wir Zigaretten und Rotwein klauten, dann gingen wir zu ihm nach Hause. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und fühlte mich wild, frei und gesetzlos. Tims Eltern waren nicht da. Wir setzten uns auf sein Bett, hörten Musik, redeten und schliefen dann ziemlich schnell miteinander.
Wir unterhielten uns noch eine Weile. Tim konnte nicht verstehen, wie man eine feste Freundin haben konnte. Das sei spießig und uncool. Ich stimmte zu, völlig uncool so was! Tim erläuterte mir, dass er auf keinen Fall eine Beziehung wollte, aber wir könnten doch Freunde sein.

Nach diesem Tag trafen wir uns regelmäßig. Tim verachtete die meisten Menschen und ich war stolz, dass wir nun Freunde waren. Sein Leben war sehr anstrengend, wie ich fand, und das sagte ich ihm auch. Je öfter wir uns sahen, desto besser konnte ich ihn beruhigen und es gab nichts Schöneres für mich, als zu sehen, dass er manchmal auf mich hörte. Ich wollte gut für ihn sein und auf ihn aufpassen.

Wir trafen uns mit seinen Freunden, standen in der Schule zusammen im Rauchereck und nachmittags hatten wir Sex. Ich hatte Glück mit Tim. Er gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, das genügte mir, machte mich glücklich. Alles lief gut, bis ich achtzehn war. Da bemerkte ich ein Gefühl in mir, das mich ängstigte, ich aber nicht mehr ignorieren konnte. Ich versuchte, mir einzureden, alles wäre in Ordnung, denn es durfte keine Liebe sein, damit würde ich alles kaputt machen.

Ich hatte ein paar Freunde, doch Tim spielte die Hauptrolle in meinem Leben, andere Männer interessieren mich nicht. Tim dagegen traf sich immer mal wieder mit anderen Mädchen. Wenn er keine Zeit für mich hatte, wusste ich, dass er sich mit einer anderen traf. Ich wollte es nicht, doch wenn er ohne mich unterwegs war, ging es mir schlecht. Er traf sich nie öfter mit derselben. Hinterher erzählte er mir, wie schlecht seine Bekanntschaften im Bett seien. Ich wurde immer dünner und stiller.

Irgendwann sprachen meine Eltern, meine Freunde mich darauf an. Offensichtlich war es nicht mehr zu leugnen, ich hatte mich verliebt. Verliebt in einen Menschen, der mir regelmäßig sagte, dass er keine Beziehung mit mir wolle. Aber dass er gern Sex mit mir hatte, ich einer der wenigen Menschen sei, die ihn verstehen, mit denen er reden konnte.
Alles, was ich wusste, war, dass ich Tim auf gar keinen Fall verlieren wollte. Ich könnte alles ertragen, nur nicht, ihn zu verlieren. Und ich war doch gut für ihn, ich war die Einzige, die ihn verstand. Vielleicht würde er seine Meinung über Beziehung doch eines Tages ändern?

Als er zum ersten Mal vor meinen Augen mit einem anderen Mädchen nach Hause ging, biss ich die Zähne fest zusammen, lächelte sogar zurück. Danach betrank ich mich und ging mit irgendeinem anderen Kerl mit. Sascha hieß er. Es wurde nur schlimmer. Auf Tims Nachfrage erzählte ich, dass es ganz toll gewesen sei. Nicht besser als mit ihm, aber anders. Sascha und ich würden uns jetzt vielleicht öfter treffen. Ich wollte Tim zeigen, dass ich ihn auch nicht wollte, zumindest nicht als festen Partner, doch er lachte nur und fragte nicht weiter.

„Mach das bitte nicht mehr, wenn du mit mir unterwegs bist!“, brach es plötzlich ungewollt aus mir hervor.
„Was denn?“, fragte Tim und ging raus, um zu telefonieren. Die Situation war ihm unangenehm.

Irgendwann tat mir das Herz so weh, dass ich versuchte, ihn weniger zu sehen. Meine Freunde wussten also Bescheid, vor allem meiner besten Freundin erzählte ich mehr und mehr von meinem Kummer.
Eines Tages war meine Freundin bei mir zum Kochen. Tim kam, um sich etwas auszuleihen, und ich lud ihn ein, mitzuessen. Die beiden blieben im Wohnzimmer, redeten und tranken, während ich in die Küche ging, um das Essen zuzubereiten. Es dauerte, da ich mit meinen Gedanken woanders war, überlegte, wie ich Tim dazu bringen könnte, mich zu lieben. Als ich das Wohnzimmer betrat, lagen die beiden übereinander auf dem Sofa. Ich stand da und mein Herz brach. Ich war auf diese Situation so wenig vorbereitet, dass ich nichts tat, nur zurück in die Küche ging und dann meine Wohnung verließ, um tränenblind durch die Straßen zu irren.

Unsere Freundschaft war vorbei. Andererseits waren Tim und ich doch nie ein Paar gewesen.