Der Phantomsohn

Сын-фантом

 

Als wir heute Abend zu Oma fuhren, diskutierten meine Eltern über den Feminismus. Vater sagte, seit Mutters Bewusstsein geweckt  worden sei, habe ihr Busen um zwei Nummern abgenommen.

Mutter sagte ärgerlich: “Was haben meine Brüste damit zu tun? George, findest du nicht, dass meine Persönlichkeit gewachsen ist?“

Vater erwiderte: „Im Gegenteil, Pauline, seit du keine hochhackigen Schuhe trägst, bist du viel kleiner.“

Vater und ich wollten uns totlachen, aber nicht lange, denn Mutter bedachte uns mit einem ihrer durchbohrenden Blicke. In ihren Augen standen Tränen. Sie sah mich an und sagte: „Wenn ich nur eine Tochter hätte, mit der ich reden könnte.“

Vater sagte: „Pauline, wir können nicht das Risiko eingehen und noch einmal so ein Baby wie Adrian bekommen.“ Dann unterhielten sie sich über meine Babyzeit. Es hörte sich so an, als wäre ich Quasimodo. Ich war so schockiert, dass ich einen Moment lang kein Wort herausbrachte.

„Was für einen Sohn habt ihr euch denn gewünscht?“, fragte ich.

Vaters idealer Sohn wäre der geborene Sportler, fröhlich und sprachbegabt, groß, mit makelloser Haut; und er zöge immer vor Damen die Mütze, ginge mit seinem Vater zum Fischen und würde mit ihm Witze machen. Er wäre handwerklich geschickt und hätte ein Hobby, wie zum Beispiel antike Uhren bauen. Er hätte das Zeug zum Offizier, würde die Konservative Partei wählen.

Mutters idealer Sohn wäre ernsthaft und düster. Er würde die Schule für hochbegabte Kinder besuchen. Er würde die Mädchen und Frauen faszinieren. Seine Kleidung wäre snobistisch, er selbst kein Sexist, kein Rassist. Er würde ein Stipendium für Oxford gewinnen, würde Oxford im Sturm erobern, und man würde später in Biographien von ihm lesen. Er würde sich in besten gesellschaftlichen Kreisen bewegen und seine Mutter überall hin mitnehmen.

Als sie mit ihrem Palaver fertig waren, sagte ich: „Nun, es tut mir leid, wenn ich für euch eine Enttäuschung bin.“

Ich musste unbedingt mit jemandem über meine Minderwertigkeitskomplexe reden. Ich bin froh, dass ich noch Großmama habe; sie findet alles an mir brillant. Ich erzählte ihr von dem Phantomsohn, den es nie gab. Sie sagte: „Er macht auf mich den Eindruck eines ziemlich widerlichen Produkts. Ich bin froh, dass du nicht so bist wie er.“

Oma spürte wieder ihr Rhema in der Schulter, also zog sie ihr Kleid aus, und ich sprühte auf die schmerzende Stelle. Großmamas Korsett sieht wie das Gurtwerk eines Fallschirms aus. Ich fragte sie, wie sie da hinein- und herauskäme. Sie sagte, es sei eine pure Frage der Selbstdisziplin.