Der Sammler

Коллекционер

Meinen Mann habe ich während unseres Jurastudiums kennengelernt. Er ist nicht besonders groß, kahlköpfig, und seinen Bauchansatz versucht er tapfer, aber mit nur mäßigem Erfolg zu bekämpfen. Aber ich liebe ihn, vor allem wegen seiner Klugheit, seines Humors. Ich muss mir allerdings eingestehen, dass auch ich mit Sicherheit nie einen Schönheitswettbewerb gewinnen würde. Dazu bin ich leider zu klein und zu dünn.

Seit unserem gemeinsamen Studium waren mein Mann und ich nie für längere Zeit getrennt, außer in dem halben Jahr, als ich in Berlin bei einem Anwalt und Notar gearbeitet habe. Das war vor gut fünfundzwanzig Jahren. Heute leben wir in der Nähe von Düsseldorf, haben zwei fast erwachsene Söhne, zwei Mittelklasseautos, ein hübsches, frei stehendes Einfamilienhaus. Es geht uns gut, ich denke, wir sind richtig privilegiert. Mein Mann arbeitet im Justizministerium, und ich bin Richterin am Amtsgericht.

Heute ist Dienstag, mein Sitzungstag. Gestern Nachmittag habe ich mir die Akten angesehen. Nichts Besonderes: ein Autodiebstahl, ein Wohnungseinbruch und ein Scheckbetrug im Wiederholungsfall. Alles Routine.
Es ist zehn Uhr, der Fall Peter Weber, die zweite Sache an diesem Morgen, wird aufgerufen.

Der Angeklagte verfolgt die Verlesung der Anklageschrift mit gesenktem Kopf vor sich hin starrend. Er ist ein alter Mann mit grauer, welker Gesichtshaut, geröteten Lidrändern und den blassblauen, wässrigen Augen eines Trinkers. Er wirkt wie Ende sechzig, aber aus der Akte ersehe ich, dass er einundfünfzig ist, knapp zwei Jahre älter als ich. Er ist ziemlich groß und schmal, seine Stimme ist leise und die Sprache undeutlich.
Doch seine gerade, kurze Nase, das immer noch gut geschnittene Kinn und diesen fein geschnittenen Mund kenne ich. Verstohlen schau ich nochmals in die Akte, tatsächlich, er stammt aus Hamburg, und sein Geburtstag, an den ich mich bis heute erinnere, ist der 19. April 1969. Kein Zweifel: Es ist Pit, Peter Weber, der Mann, der mich so tief enttäuscht und gedemütigt hat, wie nie wieder jemand in meinem Leben.

Damals, 1986 in Berlin, wohnte ich mit zwei Freundinnen, Marie und Ella, in einer geräumigen Altbauwohnung in Charlottenburg. Jeden Samstagabend versammelte sich in unserer Wohnung rund ein Dutzend Freunde und Bekannte, um zu feiern. Es wurde gekocht, oft Spaghetti Bolognese, aber nicht nur, auch der Rotwein floss in Strömen, und es wurde wild diskutiert, über Politik, Literatur, Liebe, Sex und was einem sonst so mit Mitte zwanzig durchs Hirn geht. Wir hörten Musik. Manchmal verschwand einer der Jungen mit Marie oder Ella in deren Zimmer, und dann sah ich sie erst am nächsten Morgen wieder. Ich selbst hielt mich in dieser Hinsicht zurück. Es war eine wundervoll unbeschwerte Zeit, trotz der vielen Arbeit, die ich damals hatte.

Eines Samstags brachte Marie einen großen, schlaksigen Jungen mit. „Das ist Pit. Pit Weber. Studiert BWL“, stellte sie stolz ihr Mitbringsel vor. Er sah ungewöhnlich gut aus. Dunkle halblange Locken umrahmten ein schmales blasses Gesicht mit strahlend blauen Augen unter langen schwarzen Wimpern. Seine Nase war kurz und gerade, Mund und Kinn schön geschnitten.
Es stellte sich heraus, dass Pit nicht nur schön war, er war auch intelligent. Sein Gehabe war leichtmanieriert, ich möchte fast sagen aristokratisch. Er machte mich neugierig.
Pit kam an den nächsten Samstagen regelmäßig zu unseren Partys, und ich unterhielt mich oft und gerne mit ihm. Er hatte ein erstaunlich breit gestreutes Wissen.

Dann, an einem warmen Sommerabend waren nur vier oder fünf Gäste gekommen. Die meisten unserer Freunde waren in den Sommerferien verreist, auch Marie. Die Stimmung war zwar gut, aber gegen ein Uhr morgens verkrümelten sich alle, Ella zog mit einem Freund ab, und ich war allein mit Pit.
„Komm, wir gehen in dein Zimmer“, unterbrach er plötzlich unser Geplauder. Das kam ziemlich überraschend für mich. Seit ich meinen Mann kennengelernt hatte, hatte ich mit keinem anderen mehr geschlafen, und eigentlich hatte ich es auch nicht vor. Aber da waren die laue Nachtluft, der leise Jazz, die sanfte Wirkung des Weins und natürlich die Schönheit dieses Mannes.
In meinem Zimmer drückte er mich aufs Bett und begann sofort, mich auszuziehen; ja er küsste mich nicht einmal. Dann war auch er schon über mir, nackt auch er, und drang in mich ein. Nicht gerade einfühlsam. Alles ging schnell. Er kam früh, jedenfalls viel zu früh für mich. Ich war enttäuscht.
Kurz darauf stand er schon wieder angezogen vor dem Bett.
„Ich muss los“, war alles, was er sagte. Seine ganze Erklärung, warum er nicht bei mir blieb.
„Wann sehen wir uns wieder? Morgen?“ , fragte ich, vielleicht etwas naiv.
„Nein!“, sagte er entschieden.
„Dann ein anderes Mal?“
„Ich sagte doch: Nein Überhaupt nicht!“
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. „Warum hast du dann überhaupt mit mir geschlafen, wenn dir nichts an mir liegt?“
„Warum? Wie warum? Du warst halt gerade übrig heute Abend. Das nennt man „Resteficken“ oder „Lumpen sammeln.“
Er lachte, kurz und böse, lachte mich an. Mir verschlug es die Sprache. Nie hatte mich jemand derart beleidigt. Ich sprang aus dem Bett und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Dass er zurückschlagen würde, hatte ich nicht erwartet. Noch nie zuvor hatte mich ein Mann geschlagen, übrigens auch nie danach. Krachend landete seine Faust in meinem Gesicht. Blut strömte über meinen nackten Körper, und ich fiel benommen aufs Bett. Ich bekam noch mit, wie Pit seine Jacke nahm, irgendetwas wie „blöde Fotze“ murmelte und die Tür hinter sich zuknallte. Als Ella kurz darauf zurückkam, brachte sie mich ins Krankenhaus.

Gott sei Dank bin ich diesem Kerl nie mehr begegnet – bis heute. Und nun steht er oder das, was von ihm übrig ist, vor mir, in meinem Gerichtssaal, angeklagt wegen Betrugs.
Hat er mich wiedererkannt? Ich bin mir nicht sicher.