Die erste Liebe

Первая любовь

 

„Ich bin verliebt“, teilte Anastasia ihren Eltern eines Morgens beim Frühstück mit. Es war ihr etwas peinlich, darüber zu reden, aber sie fand, dass ihre Eltern es wissen sollten.

Ihr Vater pustete nachdenklich in seinen  Kaffee. „Dafür scheinst du mir noch ein bisschen jung zu sein“, sagte er.

„Aber nein, Frank“, sagte Anastasias Mutter.  „Sie ist nicht zu jung dafür. Ich war auch mit zehn Jahren zum ersten Mal verliebt.“

„Wie ist es?“, fragte Anastasia enttäuscht. „Würde es euch nicht interessieren, mit wem ich verliebt bin?“

In wen“, korrigierte ihr Vater. „Man ist in jemanden verliebt.“

„Na schön, in wen“, berichtigte Anastasia. „Nun, es ist Edward Mark.“

Die Eltern unterhielten sich weiter.

„Leute, würdet ihr mir zur Abwechslung einmal zuhören?“, rief Anastasia empört. „Ich wollte euch sagen, dass ich in Edward Mark verliebt bin. Es ist mir wichtig. Edward Mark geht in die sechste Klasse. Und er ist schwarz. Macht es euch vielleicht etwas aus, dass er schwarz ist? Und dass er älter ist wie ich?“

„Älter als ich“, korrigierte ihr Vater automatisch.

Anastasia fand das grammatikalische Wissen ihres Vaters zwar beachtlich, aber in diesem Augenblick war es ihr völlig schnuppe. „Na schön, älter als ich“, sagte sie genervt. „Er ist ungefähr so groß als ich. Oder heißt es hier wie ich? Egal. Aber da ihm seine Haare ungefähr einen halben Meter um den Kopf herumstehen, ist er im Endeffekt, wenn man sein Haar dazurechnet, ungefähr so groß wie du, Papa.“

„Sehr interessant“, sagte ihr Vater, der gar nicht zugehört hatte.

Edward Mark hatte, um es gelinde auszudrücken, nicht die leiseste Ahnung von Anastasias Existenz.

Aber jede Schüler an der Gesamtschule – von den Lehrern ganz zu schweigen – kannte Edward Mark.

Einmal war er mit einem T-Shirt aufgetaucht, auf dem quer über der Brust ein sehr vulgärer Spruch stand. Der Rektor schickte ihn sofort zum Umziehen nach Hause. Aber er machte noch eine kleine Runde durch die gesamte Schule.

Auf ihrem Nachhauseweg, in Begleitung von Jennifer  erzählte Anastasia, dass sie total in Edward Mark verliebt ist.

„Woher willst du das wissen? Wie merkt man, dass man verliebt ist?

Darüber hatte Anastasia schon intensiv nachgedacht. Sie hatte in der neusten Ausgabe der Cosmopolitan den Artikel mit der Überschrift  Ist es wirklich Liebe? studiert.

„Das merkst du daran, dass du immer nur an ihn denkst, dass du keinen Lust mehr hast, dich mit anderen Männern zu treffen und…“

„Du triffst dich doch sowieso nie mit anderen Männern“, unterbrach Jennifer sie nüchtern.

„Klappe! Wo war ich…? Ach ja, er taucht in deinen Träumen auf, normalerweise als Held, und du…“

Jennifer unterbrach sie schon wieder. „Edward Mark taucht in deinen Träumen auf? Als Held?“, fragte sie ungläubig.

„Ja.  Letzte Nacht habe ich zum Beispiel geträumt, ich hätte mich verlaufen.“

Die beiden Mädchen blieben an der Straßenecke stehen. Ganz leise begann Anastasia zu singen: „Das erste Mal, als deine Lippen mich berührten…“

Jennifer schnitt eine Grimasse. „Bei dem Gedanken, dass Edward Mark´s Lippen mich berühren, dreht sich mir der Magen um.“

„Das ist nur deshalb, weil du nicht in ihn verliebt bist. Warte ab, Jennifer. Wenn du in jemanden verliebt bist, ist alles anders. Dann wirst du dir wünschen, dass dieser Jemand dich küsst.“

„Aber nicht, wenn er so ein Flegel ist wie dieser Edward  Mark“, erklärte Jennifer kategorisch. Sie drehte sich um und ging in ihre Richtung.

Auf ihrem Nachhauseweg überlegte Anastasia, wie sie es wohl schaffen  würde, Edward Mark auf sich aufmerksam zu machen.

Die Haare! Das war der entscheidende Punkt, beschloss Anastasia.

„Ich gehe noch schnell duschen und Haare waschen, bevor ich ins Bett gehe“, verkündete Anastasia ihrer Mutter.

Sie verbrauchte das ganze Shampoo. Dann kämmte sie ihr nasses Haar gut durch, betrachtete sich im Spiegel und wünschte sich, sie hätte etwas dickere Haare. Aber daran war nicht zu ändern. Sie flocht es zu vielen dünnen Zöpfchen wie nur möglich. Es wurde insgesamt vierzehn Strähnchen. Als sie im Bett lag, hatte sie das Gefühl, ihr Kopf läge auf einem ganzen Haufen kompliziert verschraubter Stränge.

Aber es klappte. Am nächsten Morgen entflocht sie alle ihre Zöpfchen, kämmte die Haare nach oben statt nach unten und betrachtete sich erstaunt im Spiegel. Bevor Anastasia sich an den Frühstückstisch setzte, stopfte sie ihre neue Haarpracht rasch unter ihre blaue Strichmütze.

„Man könnte sich fragen“, sagte ihre Mutter, „warum du an einem Septembermorgen mit einer Skimütze zum Frühstück erscheinst.“

„Ja, das könnte man sich fragen“, bestätigte Anastasia mit vollem Mund. „Ich muss gehen.“

Kaum um die erste Straßenecke gebogen, nahm sie ihre Skimütze ab. Dann ging sie in Richtung Schule – allerdings auf dem längeren Weg, der aber  den Vorteil hatte, dass er direkt an Mark´s  Haus vorbeiführte.

Sie hätte den Zeitpunkt nicht besser wählen können. Gerade als Anastasia vorbeiging, kam Edward Mark aus der Haustür.

„Hallo“, sagte sie.

„Bist du mit einem Finger in die Steckdose gekommen?“, fragte er mitfühlend.

„Nein, wieso?“

„Dein Haar, Mädchen. Du siehst aus, als hättest du einen  tödlichen Stromschlag  abbekommen.“

Er begann lauthals zu lachen.

„Halloween ist doch längst vorbei, Herzchen“, lachte Edward Mark. „Da solltest du nicht länger in deinem Monsterkostüm herumlaufen. Das ist nicht cool, Baby, ganz und gar nicht cool.“

Anastasia kam zu dem Schluss, dass sie heute unmöglich zur Schule gehen konnte. Ihre Magenschmerzen waren unerträglich.

Zu Hause beschloss sie für den Rest des Tages sich  ins Bett zurückzuziehen.

„Ruf mich, wenn du brechen musst“, sagte ihre Mutter.

Aber Anastasia war nicht nach Brechen zumute. Sie setze sich in ihrem Bett auf und schrieb: Ich hasse Edward Mark in ihr Notizbuch. Als sie es dreiundvierzigmal geschrieben hatte, waren ihre Magenschmerzen vorbei.