Die Hoffnung stirbt zuletzt

Надежда умирает последней

Mit dreißig, so hatte ich mir seit meiner Pubertät ausgemalt, mit dreißig bin ich in festen Händen eines gut aussehenden, liebevollen Mannes mit gesicherterm Einkommen, Eigenheim, Altersvorsorge, habe zwei gesunde, hübsche und intelligente Kinder, ein Junge, ein Mädchen. Ein solides Leben, glücklich und konform.

An meinem zweiunddreißigsten Geburtstag musste ich mir eingestehen: кein Mann, keine Kinder, keine Idylle. Ich arbeitete als Versicherugskauffrau und mein Einkommen wurde für unsinnigen Konsum noch vor Ablauf jedes Monats regelmäßig verpulvert.

Eigentlich fühlte ich mich sogar noch unzufriedener und frustrierter als Teenager.

An einem Samstagabend betrat ich allein eine Diskothek. Ich bestellte ein Mixgetränk, dessen Namen ich nie zuvor gehört hatte.
Als mir von dem muffig-süßen Mixgetränk übel wurde, fiel mein Blick auf einen durchtrainierten, viel jüngeren Mann, der unbeschwert tanzte. Er schien nicht nur mich magisch anzuziehen, um ihn herum bewegten sich attraktive Menschen. Dieser Mann war beliebt, begehrt. Bestimmt ist er der Drogendealer hier, vermutete ich, musste aber festsellen, das seine Begehrtheit einzig an seiner Attraktivität lag. Ich beschloss, mich nicht weiter selbst zu guälen und diesen Ort zu verlassen. Ich rutschte von meinem Barhocker und wollte zum Ausgang eilen.

Da geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hatte. Der Mann meiner Begierde fasste mich an der Schulter. Als ich mich umdrehte, lächelte er. Max hieß der Schöne. Er bat um meine Handynummer. Ich hatte es doch gewusst: Irgendwann würde das Glück auch mal an meine Tür klopfen!

Am nächsten Tag klopfte das Glück morgens an mein Handy — es war wie ein Wunder. Max lachte am Telefon über meine Witze und je mehr er lachte, desto lustiger wurde ich.
«Er ist viel zu jung für mich», erklärte ich meiner Freundin und war verletzt, als sie mir zustimmte.
«Es ist so sexy, dass du etwas älter bist», sagte er zu mir, » du bist viel schlauer und interessanter als die Mädchen, die ich so kenne». Er versteht mich, freute ich mich und wiederholte mir den Satz tagelang stumm wie ein Mantra.

Ich war über beide Ohren verliebt. Die Gespräche, die ersten körperlichen Annäherung und der Sex, ein Traum — besser hätte es nicht sein können.
Ich versuchte ihn zum Lachen zu bringen, ihm zu gefallen, ihn durch Kenntnisreichtum zu beeindrucken, ihm zu zeigen, wie schön das Leben mit mir ist. Einege Wochen vergingen. Je mehr ich wieder zu mir selbst fand, mit der Gewissheit seiner Liebe, desto mehr entfernte er sich. Immer seltener verirrte er sich zu mir. Er wollte etwas von mir — Essen, ein Obdach für ihn und seine Kumpels, die er immer öfter mibrachte. Sie saßen dann auf meinem Sofa, rauchten, tranken und verschmutzten das Badezimmer.

Noch immer schätzte er meinen Rat und fragte mich bei allen bürokratischen Angelelenheiten. Ich fragte mich, wie er bisher durchs Leben gekommen war. Ich korrespondierte für ihn mit dem Arbeitsamt, schrieb seine Bewerbungen, sortierte Berge von Mahnungen und schrieb an Anwälte und Unternehmen, um eine drohende Zwangsvollstreckung abzuwenden. Er fand das nett und war sicherlich dankbar. Max schien es Jedoch bald als selbstverständlich anzusehen. Immer öffter wollte er mein Auto, meine Dienste als Fahrer oder sich Geld leihen. Meine Wünsche und Sehsüchte gingen stetig unter — blieb er über Nacht, schlief er mit gefülltem Magen ein und wendete mir den Rücken und die kalte Schulter zu. Ich lag neben ihm und fühlte mich unerträglich unattraktiv.

Nicht ist schlimmer als unerwiderte Liebe, sie zerstört deine Persönlichkein. Noch vor wenigen Wochen hatte er mich doch geliebt. Was war passiert? Das muss eine Phase sein, das ändert sich wieder, redete ich mir ein.
Wie die meisten Männer war er trotzdem zu Sex zu motivieren, doch es ging dabei nicht um mich. Er schlief mit mir ohne sonderliche Begeisterung, ohne Leidenschaft.
Also fügte ich mich notgedrungen in die Mutterrolle, die er mir zugedachte. Die Hoffnung auf bessere Zeiten war alles, was mir blieb. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Eines Sonntagmorgens wachte ich auf. Max saß vor meinem Bett. Wir waren nicht verabredet. Ich würde den Sonntag also doch nicht allein verbringen müssen! Erfreut richtete ich mich auf.
«Wie toll, dass du da bist! Kommst du ins Bett?»
«Ach nein», sagte er.
«Was möchtest du denn dann machen?», fragte ich.
«Schluss», sagte er einfach. Und schwieg.
«Ach». Ich glaube, ich stand unter Schock.
«Ja. Tut mir leid. Ich muss jetzt auch los. Damit stand er auf und ging, während ich ganz langsam realisierte, was gerade geschehen war.
Es fiel eine Woche lang. Dann kam eine SMS.
«Alles okay?»
«Nein. Komm und erklär es mir», antwortete ich. Das war er mir verdammt noch mal schuldig.
«Ich hab mich verlobt», sagte er. «Mit Mara, meiner Exfreundin. Sie ist schwanger».
«Von dir? Dumme Frage, die nehme ich zurück. Während du mit mir zusammen warst?»
«Ja», sagte er. «Mara und ich waren eigentlich nie richtig auseinander.»

Was redete er da? Ich hatte in der letzten Woche so viel geweint, dass ich zum Glück keine Tränen mehr produzieren konnte.
In Diskotheken wird man mich nie wieder sehen.