Die Liebesbriefe

Wladimir Kaminer родился в Москве. С 1990 года живет в Берлине. С большим чувством юмора и иронии описывает автор в своих рассказах жизнь в СССР. Читайте этого автора! Пишет легко и понятно.

Любовные письма

 

Als ich 1986 ein junger Soldat in der sowetischen Armee war, muste ich für meinen damaligen Vorgesetzten Sergeant Krilenko die Liebesbriefe an seine Geliebte Larissa in Kasachstan schreiben. Damals konnte ich einfach nicht Nein sagen.
Ich war ein junger Soldat aus dem allgemein verhassten Moskau. Krilenko war ein Altgedienter und eine große Nummer im Stab. Bevor ich zur Armee ging, war ich Schüler gewesen, Krilenko Bergarbeiter. Er war zwanzig, wirkte aber wie fünfunddreißig. Ein Hammer wirkte in seiner Hand wie ein Streichholz. Aber er hatte Probleme, sich schriftlich zu äußern, besonders wenn es um komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen ging.

«Schreib ihr, dass ich sie liebe und dass ich eine Bulette aus ihr mache, wenn sie nicht auf mich wartet», diktierte er mir.
Ich war dafür vom Küchendienst befreit. Während die anderen Rekruten Kartoffeln schälten, saß ich in der warmen Kaserne und schrieb Liebesbriefe an eine mir unbekante Braut.

Am Anfang machte es mir sogar Spaß.
«Liebe Larissa, schrieb ich. «Mein Herz Schmerzt. Noch ein halbes Jahr liegt zwischen uns. Jede Nacht sehe ich Dich in meinen Träumen. Deine Lippen, Deine Nase, Deine Brust. Du kannst Dir nicht vorstellen, was ich aus Dir mache, wenn ich zurückkomme.»

Eigentlich wäre damit die Sache erledigt gewesen. Doch es war mir noch nicht überzeugend genug. Ich wollte aus Krilenko einen Kriegshelden machen.

«Liebe Larissa,» kritzelte ich weiter. «Ich schreibe Dir diesen Brief auf dem Rücken eines gefallenen Kamaraden. Unsere Panzer sind in eine feindliche Falle geraten. Er war ein guter Schütze. Ic habe ihm Dein Foto gezeigt, er starb ohne Schmerzen — mit einem Lächeln auf den Lippen. Pass auf Dich auf, Mädchen, ich liebe dich. Krilenko.

Unsere Post wurde nur oberflächlich geprüft, weil unsere Einheit keine besonders geheimen Aufgaben zu erledigen hatte.
Es war ein riesengroßer Zufall, das ausgerechnet mein Liebesbrief an Larissa nicht durchging, sondern direkt auf dem Tisch des ranghöchsten Offiziers landete. Der Oberst fand den Brief so lustig, dass er beschloss, ihn öffentlich vorzulesen. «Unsere Panzer sind in eine feindliche Falle geraten. … Mal unter uns, Sergeant Krilenko, haben Sie jemals in Inrem Leben einen Panzer aus der Nähe gesehen?
Die ganze Einheit lachte — nur ich nicht. Unsere bescheidene Raketenabwehrstation besaß überhaupt kein Kriegsgerät und auch keine gefallenen Kameraden. Wenn sie stürzten, dann nicht durch feindliche Kugeln, sondern durch maßlosen Alkoholkonsum.

Krilenko versprach, sich in Zukunft persönlich um meine Ausbildung zu einem echten Soldaten zu kümmern, was er auch fleißig die nächsten sechs Monate bis zu seiner Entlassung tat.
Seitdem schreibe ich keine Liebesbriefe mehr.