Die moderne Großmutter

Современная бабушка

Es leben heute mehr Großmütter als je zuvor in der Weltgeschichte.

Aber die heutigen Großmütter sehen nicht aus wie Großmütter.

Und eben das ist so verwirrend.grossmuter1

Meine Großmütter waren noch echte Großmütter.

Sie halfen meinen Großvätern im Geschäft. Sie bekamen Kinder, kochten echte Fleischbrühe und fabrizierten Plätzchen mit Zuckerguss.

Meine beiden Omas trugen Kleider, die weit genug und dunkel genug waren, um ihre fleischernen Hügel und Täler zu verhüllen, diese welligen Ergebnisse ihrer eigenen Kochkunst.

Sie wussten nichts von Squash, Gymnastik, Jogging und Ehen auf Zeit.

Sie kannten auch den Begriff „super“ nicht.

Und wer braucht in der Küche schon einen Bikini?

Aber gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sind die Großmüttern in Bewegung geraten.

Adieu, ihr unvergleichlichen Suppen!

Auf Wiedersehen, ihr köstlichen Plätzchen!

Die heutige Oma ist unterwegs, verkauft Grundstücke, steuert Flugzeuge, gründet Geschäftsunternehmen, schreibt  Bestseller, tritt im Theater auf, spielt Tennis und saust – mit oder ohne Ehemann – in Paris, New York oder London herum.

Dass sie Großmutter ist, merkt man trotzdem, weil sie zwischen all diesen Tätigkeiten ihre Tochter (der sie ständig Ratschläge gibt, die nicht befolgt werden) und ihre Schwiegertochter (der sie keine Ratschläge gibt, weil sie weiß, dass sie nicht befolgt werden) anruft.

Eine Mutter wird an dem Tag zur echten Großmutter, an dem sie die grässlichen Dinge, die ihre Kinder anstellen, nicht mehr bemerkt, weil sie so bezaubert ist von den wundervollen Dingen, die ihre Enkel treiben.

Aber auch im Tennisdress Größe 38 und im Pullover von Yves Saint Laurent, zwischen den Leintüchern der schnuckeligen Zweitwohnung im Tessin und auf den Skiern in Vail  schlägt das Herz einer Großmutter.

 

Die Kreditkarten-Oma

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Eine moderne Großmutter besteht aus Plastik-Kreditkarten, das wissen nicht nur ihre Tochter und ihre Schwiegertochter, sondern auch Enkel.

Wenn Omas auf dem Tennisplatz, im Büro oder bei einer Tasse Kaffee  zusammenkommen, erzählen sie bestimmt Geschichten wie die folgenden:

 

Eine Mutter ging mit ihrem Einjährigen Schuhe kaufen.

Auf dem Weg durch das Schuhgeschäft sah sie eine Stange voller Bomberjacken aus Leder in Knabengröße.

„So was habe ich noch nie gesehen“, sagte sie zur Verkäuferin. „Ich möchte zu gern so eine für meinen Sohn. Was kosten sie?“

Hundertachtzig Dollar“, lautete die Antwort.

„Was? Hundertachtzig Dollar?“  fragte sie. „Ja, wer um Himmels willen zahlt denn das?“

„Großmütter“, sagte die Verkäuferin.

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Jimmy kam nach New York, um seine Ferien bei der Großmutter zu verbringen. Sie gingen in den Park, in den Zoo, ins Planetarium und in drei Museen. Am fünften Tag wusste sie nicht mehr, wohin sie ihn noch führen sollte.

„Und was machen wir heute?“ fragte Jimmy.

Großmama überlegte kurz. „Ich weiß“, sagte sie strahlend. „Wir gehen ins Museum.“

Jimmy zog ein langes Gesicht. „Hatten wir doch schon“, sagte er.

„Aber dieses ist anderes“, versprach Großmama. „Es ist ein Spielzeugmuseum.“

Er hüpfte auf und ab. „Ein Spielzeugmuseum?“

„Ja. Und bevor wir hingehen, möchte ich dich noch einmal an eine Regel erinnern, die in alle Museen gilt: Du darfst nichts anfassen. Du kannst alle Spielwaren anschauen, aber nicht anfassen und nicht kaufen.“

Als Jimmy nach Hause kam, erzählte er seiner Mutter, bei Oma sei es ganz toll gewesen, aber das beste sei das Spielzeugmuseum gewesen.

Als Mami später mit Großmama sprach, sagte sie: „An ein Spielzeugmuseum in New York kann ich mich gar nicht erinnern. Jimmy fand es himmlisch. Wo ist denn das?

„Ach so“, erklärte die Großmutter. „Das war das Spielwarengeschäft F.A.O. Schwartz.“