Die Züge

Поезда

Von Wladimir Kaminer

Das Verhältnis von Raum und Zeit war im vorigen Jahrhundert ziemlich eigenartig.

Die Natur war  wilder, die Wälder dichter, ein Baum dicker als der andere. Und auch das Land an sich war viel größer als heute. Man musste tagelang mit dem Zug fahren, um seine Tante, Oma oder Geliebte zu besuchen. Man konnte natürlich auch fliegen, doch die Flugzeuge galten damals als unsicheres Transportmittel, sie flogen nicht bei Nebel, Regen oder Schnee, wenn der Wind zu stark wehte oder wenn der Pilot nicht erschienen war. Die Fluggäste verbrachten Tage auf dem Flughafen, in der Hoffnung auf einen günstigeren Wind.

Deswegen entschieden sich die meisten Reisenden für die Bahn. Die Züge des vorigen Jahrhunderts fuhren bei jedem Wetter. Eigentlich fuhren die Züge immer pünktlich, nur in Ausnahnesituationen konnte es zu Verspätungen kommen. Der Verkehr wurde damals ganz ohne Computer per Hand geregelt. Die Züge waren sehr lang und hatten große geräumige Abteile. Man konnte in einem Abteil zu sechst nebeneinander sitzen. Weil die Zugfahrten so lange dauerten, schleppten die Passagiere säckeweise Proviant mit. Der ganze Zug aß, trank und sang lustige Lieder über ware Liebe und echte Freundschaft.

An jedem kleinen Zwischenbahnhof standen alte Frauen mit Eimern voller Kartoffelpüree. Sie verkauften auch Alkohol und selbst gestrickte warme Socken. Alkohol und Kartoffelpüree gingen in Sekundenschnelle eimerweise weg.

Im neuen Jahrhundert Die Bahn wurde die Bahn  zum Teil privatisiert, und man kann sich heute gegen entsprechende Bezahlung einen ganzen Waggon mieten, mit Tee und Champagner und einem eingebauten Fernseher, in dem nonstop Pornofilme laufen — von Saratow bis Wladiwostok. Die alten Frauen mit ihrem Kartoffelpüree sind von den kleinen Bahnhöfen verschwunden. Sie wurden in Hot-Dog- Automaten verwandelt.