Eine Geschichte

Одна история

Helen hatte immer geglaubt, dass Harry sie erst verlassen würde, wenn er in einem Fichtensarg lag.

Stattdessen fuhr er in einem Porsche neuster Bauart,car neben sich eine Verkaufsleiterin seiner Firma – ebenfalls neuerster Bauart.

Ein Jahr lang schwankten Helens Stimmungen zwischen hocherfreut und tief verzweifelt (wenn Harry anrief, um den Scheidungsprozess zu beschleunigen, weil er wieder heiraten wollte).

Auf Rat ihres Anwalts nahm sie keine Arbeit an. „Dann bekommen Sie eine gute Stellung, und das beeinträchtigt ihre Unterhaltsansprüche.“ Dieser Rat ließ Helen viel Zeit und wenig zu tun.

Sie hatte einen bitteren Klumpen, wo einmal ihr Herz gewesen war. Sie hatte einen leeren Platz bei Tisch, einen leeren Platz im Bett, und so viel sie sich auch umsah, gab es keine Möglichkeit, diese leeren Stellen zu füllen.

Ihre verheiratete Tochter und ihr Sohn, der Jura studierte, waren auch keine Hilfe.

„Du musst mehr ausgehen, Mam“, sagten sie, wenn sie anriefen.

Was erwarteten sie von ihr? Dass  sie in Bars herumhockte? Dass sie Männer aufforderte, mit ihr auszugehen? Wie stellten sie sich das vor? Eine Frau, die sich noch als verheiratet empfand, konnte doch nicht losziehen und nach dem nächsten Ehemann Ausschau halten?

Warum war es für Frauen nicht ebenso leicht wie für Männer? Warum konnte eine Frau einfach einen jüngeren Mann kennenlernen und mit ihm etwas anfangen, so wie die Männer mit jüngeren Frauen?

Und eines Tages nahm Helen zufällig eine Zeitschrift zur Hand und fand im letzten Teil eine Menge Anzeigen. Es waren auch Suchanzeigen alleinstehender Männer dabei.

Dann fiel ihr Auge auf eine Anzeige, in der es hieß:

„Mann aus Kalifornien möchte weltgewandte New Yorkerin zwischen 25 und 34 kennenlernen, die Bücher, Theater und gepflegte Lokale kennt und schätzt. Foto unerlässlich.“

Konnte Helen es riskieren zu antworten – im Zeitalter von Aids und Herpes, in einer Welt voll Schwuler und Bisexueller?

Nach reiflicher Überlegung sagte sie sich: was habe ich schon zu verlieren? Mit der Post kann man sich Aids ja nicht holen. Außerdem war sie nicht „zwischen 25 und 34“, und wenn er sie sah, wäre ohnehin alles gelaufen.

Warum nicht? Dachte sie. Sie antwortete dem Mann in Kalifornien. Sie schrieb:

„Lieber Mann aus Kalifornien,

wenn Sie eine wirklich gebildete New Yorkerin suchen, nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich jedes Theaterstück von Shakespeares Dramen bis zu den Musicals von Sondheim kenne. Ich kenne die Restaurants zwischen Soho und Harlem und Bücher von der Bibel bis zum Bestseller dieser Woche.

Warum ich Ihnen also schreibe?

Weil ich, obwohl blond, liebevoll und schlank, obwohl redegewandt und ein guter Kamerad, es nicht fertiggebracht  habe, meinen Mann nach dreißigjähriger Ehe zu halten.

Es muss also etwas mit mir nicht stimmen, und ich wüsste gerne, was.

Sie wünschen sich eine Frau zwischen 25 und 34. Mein Instinkt sagt mir, dass nur ein Mann über fünfzig eine Frau zwischen 25 und 34 sucht. Nun, ich bin nicht zwischen 25 und 34. Ich bin 25 +34. Außerdem bin ich Großmutter.

Als Beweis beiliegendes Foto. Das kleine Mädchen ist meine Enkelin.

Wenn Sie über das alles nicht zu sehr entsetzt sind, antworten Sie. Wir wollen sehen, ob wir einander nicht helfen können.

Ich zeige Ihnen das N.Y.,  das Sie gerne sehen möchten, und Sie zeigen mir dafür, was ich nach dreißig Jahren falsch gemacht habe.

Sie müssen wissen: Ich habe meinen Mann an eine Frau zwischen 25 und 34 verloren, die nicht weiß, was ich weiß. Aber eines weiß sie, was ich nicht weiß. Sie weiß, wie sie mir meinen Mann wegnehmen und ihn halten kann.“

Die Antwort kam eine Woche später.

Auf Helens Anrufbeantworter war eine Botschaft.

176„Helen“, sagte die Stimme. „Bis ich den Brief las, wusste ich nicht, was für ein Trottel ich gewesen bin. Ich bin der „Mann aus Kalifornien“ mit dem Inserat. Ich bin bereit, wieder nach Hause zu kommen. In einem irrst du dich. Diese Frau wusste, wie man mich kriegt, aber sie verstand mich nicht zu halten. Ich glaube, 59 ist ein wundervolles Alter, um von vorn anzufangen. Außerdem bin ich beim Anblick des Fotos fast zersprungen. Schließlich und endlich bin ich der Großvater des kleinen Mädchens.“