Eintagsfliege

Муха

Wäre ich eine Eintagsfliege. Dann wäre ich mal gerade 28 mm groß.
Dann würde ich vielleicht am frühen Morgen im noch taunassen Gras eines Parks zum Leben erwachen. Dann müsste ich schon in den ersten Sekunden meines Lebens befürchten, dass ein Jogger, der noch vor seiner Arbeit eine Runde dreht, mich mit nur einem Fußtritt zerquetschen würde. Doch würde vielleicht Glück haben. Ich würde aufsteigen und vielleicht zehn Minuten meines Lebens damit verbringen, die Welt zu betrachten. Und ich würde atmen. Die Luft der Stadt. Viele mögliche Gerüche. Der Duft der Pizzeria würde mich anziehen. Ich würde gerne auf einen Schulhof fliegen und die Menschen betrachten. Dieses alltägliche, bunte Bild würde mir vielleicht sehr gefallen.
Ich würde, so glaube ich, das nächstbeste Hochhaus anfliegen, wo Fensterputzer in schwindelnder Höhe ihre Arbeit verrichten. Da würde ich hören, dass sie sich über den neuesten Kinofilm unterhielten. Und ich würde alles Leben der Stadt sehen.

Und so würde ich den Tag verbringen. Vieles anschauen. Das Bunte und das Grau. Die Hochzeit und die Beerdigung. Das neue, teure Auto und die alte Blechkarre. Den Topmanager und den Obdachlosen unter der Brücke. Den verurteilten Vergewaltiger hinter den Gefängnisgittern und das unschuldige Baby mit dem roten Schnuller. Ich würde alles sehen, jede Kleinigkeit und jede Sekunde als unvorstellbar kostenbar ansehen. Abends würde ich dann mich auf einem grünen Blatt im Baum landen. Ich würde diese Stadt, die hektisch und ruhig, bunt und grau, arm und reich, laut und leise sein kann, betrachten. Ich würde die letzten Sekunden meines kurzen Lebens im Angesicht mit der Stadt verleben.

Ja, ich würde die Augen schließen und das glücklichste Lebewesen der Welt sein. Denn ich hatte gelebt und durfte nun nach einem kurzen, aber erfüllten Leben sterben. Sterben – als Teil der Stadt.