Familienleben

Семейная жизнь

Am frühen Abend geht Marlene K. in das Lokal „Zur stürmischen Ecke“. Die siebenunddreißigjährige Frau verkehrt hier oft und ist — mit den Worten des Wirts gesprochen – als Feger bekannt. „Vor der war noch kein Mann sicher. Zwei Cognac Soda, und dann immer gleich ab auf den Hof.“

Günter J., neununddreißig Jahre, ungelernter Arbeiter ohne Beschäftigung, zieht zu Marlene in die Wohnung, und diese gibt in der Folgezeit ihre Kneipenbesuche auf. „Die war ja nun wohl zur Ruhe gekommen.“

Im Haushalt der Marlene K. herrschten chaotische Zustände. Zwei Töchter hat sie, zu der Zeit fünfzehn und dreizehn Jahre alt. Das dritte Kind, ebenfalls ein Mädchen, „ist gestorben mit fünf.“ Einen Vater es nie lange gegeben. Onkel bleiben nur für Tage.

Dieser Onkel aber ist anderes. Günther J. beginnt, den Haushalt zu organisieren. Macht sauber, wäscht, kocht, während Marlene als Packerin und abends bei diversen Putzstellen arbeitet. Die beiden Töchter, notorische Schulschwänzerinnen, werden morgens geweckt und – mit Butterbroten versehen – zur Schule geschickt. Erscheinen dort zum Erstaunen aller Lehrer auch immer regelmäßiger.

„Ein Hausmann also“, fasst der Vorsitzende zusammen. Marlene interpretiert falsch. „Nee, nee, er war schon ein richtiger Mann. Nicht so wie Sie denken. Das können Sie mir glauben.“ Man glaubt ihr.

Die dreizehnjährige Sandra profitiert zunächst am meisten. Günther überwacht ihre Hausaufgaben, lernt sie stricken, geht mit ihr ins Kino. Eine positive Wendung in der Entwicklung bemerkt die Klassenlehrerin. Sandra beginnt, Günther mit Papsi anzureden.

Mit der Großen, der Kirsten, sei das zuerst viel schwerer gewesen. Kirsten ist nicht nur zickig, sie ist vor allen Dingen unglücklich, einsam. Ein hässliches Mädchen, dick, unappetitlich. Günther nimmt ihren Kummer ernst, beginnt, sie in Schönheitsfragen zu beraten. Akne entstellt ihr Gesicht. Günther begleitet sie zum Hautarzt, kocht extra für sie kalorienarm, damit sie abnimmt. Wäscht, schneidet, frisiert ihr Haar.

Wann genau es zur Aufnahme intimer Beziehungen zwischen ihr und Günther gekommen ist, kann auch der geduldige Vorsitzende nicht rekonstruieren.
Mit hängenden Schultern und vorgeschobenem Bauch steht Kirsten da. Die Hose spannt um ihre fetten Schenkel. Die Fürsorge durch Günther fehlt ihr, das sieht man.

Wie oft es zum Geschlechtsverkehr gekommen sei. Der Vorsitzende verzieht in schmerzlicher Ahnung sein Gesicht, aber Kirsten antwortet ganz präzise: „Jeden Tag, bloß nicht am Wochenende und wenn ich meine Tage hatte.
„Hast du den Günther denn liebgehabt?“ Da nickt das Mädchen heftig. Weint nicht. Niemand weint in diesem Prozess.

Fast ein Jahr hat es gedauert, das Familienleben. Vier Menschen in drei Zimmer. Jeder hat bekommen, was er gesucht hatte. Ordnung, Wärme, Geborgenheit. Das Verhältnis zwischen Günther J. und Kirsten stört die anderen Bindungen nicht. Günther bleibt Marlene zugetan, schläft mit ihr im großen Ehebett. Manchmal gehen sie tanzen. Sandra bekommt einen Goldhamster geschenkt und lernt, Zopfmuster zu stricken. Es hat keine Szenen gegeben, keine Verdächtigungen. Warum zerbricht die Idylle?

Sandra hat dunkle Haare, blanke, fast schwarz wirkende Augen, schön geschwungene Lippen, eine voll entwickelte Figur. Ihren Vater wird man im südlichen Europa zu suchen haben. Sie erzählt ihre Geschichte.

Kurz nach den Herbstferien wird sie mit Fiber und Halsschmerzen aus der Schule nach Hause geschickt. Eine Erkältung. Kein Wunder, liegt doch Kirsten bereits seit einigen Tagen mit ähnlichen Symptomen im Bett. Dort aber liegt auch Günther J. Sandra ist nicht empört oder gar entsetzt. Sie wartet in der Küche, bis Günther aus Kirstens Zimmer kommt, fordert gleiche Rechte. „Fick mich auch.“ Günther lehnt ab. „Dann erzähle ich das der Mutti. „ Das Gebäude wankt. Günther J. entledigt sich seiner Aufgabe auf dem Küchentisch. Sandra ist noch Jungfrau, und „so toll“ findet sie die Liebe eigentlich nicht.

Warum sie dann immer wieder mit Günther J. geschlafen habe? Ist sie gezwungen oder zumindest überredet worden?
Sandra schüttelt den Kopf. Nein, so sei es nicht gewesen. Gott, warum? „Schließlich bin ich eine Frau!“.

Als im Oktober Sandras Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen ist, stößt Kirsten Günther J. beim Fensterputzen aus dem sechsten Stock.