Fantomas

Фантомас

von Wladimir Kaminer

Die meisten Männer bekamen schon relativ früh eine Glatze. Laut einem alten russischen Sprichwort galt es, zwei Arten von Glatzen zu unterscheiden: «Die Glatze vorne kommt von grosem Wissen, die hinten von den Fremden Kissen». Die erste Variante wurde mit Respekt von der Gesellschaft behandelt, die leichtsinnige Kissenglatze musste dagegen getarnt werden. Entwerder rasierte man sie oder kaschierte sie mit einer sogenannte Brücke.

Die meisten Männer trugen ihre Glatze allerdings mit Würde. Nur manche bekämpften ihre Glatze in der Regel mit unwissenschahtlichen Oma-Rezepten: Sie reiben sich den Kopf mit Zwiebeln oder sogar Knoblauch ein.
Die wissenschaft stand jedoch keine Sekunde still. Ende der Achtigerjahre kamen die ersten Haarimplantate auf den Markt. Ab sofort konnte man sich Haare auf dem Kopf einpflanzen lassen wie Gladiolen auf dem Balkon, behaupteten die Erfinder.

Unser damaliger Nachbar, der bei uns auf dem Hof den Spitznamen «Fantomas» bekam, unterzog sich dieser komplizierten Operation. Er lief danach lange Zeit wie ein arabischer Scheich herum, mit einem um den Kopf gewickelten weisen Tuch. Alle warteten neugierig, das Nachbarkollektiv war auf Gladiolen sehr gespannt. Dann endlich erschien Fantomas eines Tages ohne Tuch in der Öffentlichkeit, dafür mit einer Militärmütze auf dem Kopf, die er niemals mehr abnahm. Es musste also bei der Operation doch etwas schiefgelaufen. Zwei Monate später, im Sommer, wurde Fantomas erneut auf dem Hof geschichtet. Aus dem Klinikum war unser Nachbar als ganz anderer Mensch zurückgekommen. Er hatte deutlich zugenommen und war viel freundlicher und kommunikativer als früher.