Julian

Юлиан

Julian ruft mich von seinem Büro aus an. Julian unterrichtet Englisch an der Modeschule. Seine Studentinnen sind nicht die hellste, aber einige sind umwerfend hübsch. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich Englisch an der Modeschule lehren wollen. Julian hasst  seinen Job.

„O gut. Du bist zu Hause“, sagte er und lädt mich zum Abendessen ein.

Ich habe keine Lust, mit Julian essen zu gehen. Er kann einen richtig fertigmachen, er ist dauernd wegen irgendetwas  deprimiert. Ich sage ihm, dass ich nicht mit ihm essen gehen könne.

„Ich bin pleite, Julian. Tut mir leid.“

„Aber ich muss mit dir reden“, und er bietet mir an, mich einzuladen.

Julian sitzt mir gegenüber. Er ist einsam. Er möchte sich verlieben.

„Ich wünsche mir eine Beziehung“, sagt Julian.

„Eine Beziehung?“ sage ich. „Ist das nicht das, was die Vereinigten Staaten mit China unterhalten?“

„Komm schon. Ich meine es ernst. Ich möchte eine Beziehung.“

„Mit jemandem“, sage ich.

„Natürlich mit jemandem.“ Julian sieht mich an, als ob ich den Verstand verloren hätte.

„Mit jemandem. Irgendjemandem. Jede  Frau wäre recht.“

„Nein, nicht jede.“

„Und was erwartest du dir von dieser Beziehung?“

Er zuckt mit den Schultern und sagt: „Du weißt schon.“

„Nein, Julian. Ich weiß es nicht. Ich hatte nie eine Beziehung. Ich verliebe mich.“

Er sagt mir, dass das dasselbe sei.

Vor einige Wochen waren wir in einem dieser Cafes, die  Julian so mag, und tranken Tee und besprachen die drei  Phasen der Liebe. Die erste Phase, beschlossen wir, bestand nur aus romantischen Gefühlen, Leidenschaft, Nachsicht. Dann, wenn es leichter ist, zusammen zu sein, als alleine zu sein, ist die zweite Phase eingetreten. Die dritte Phase, die Julian am besten fand und die ich „die Rollstuhlphase“ nannte, ist die,  wenn das Zusammenleben aus einer Fülle von Erinnerungen besteht und die Liebe den tröstlichen Glanz eines Nachtlichts annimmt.

Wir debattieren einige Stunden vergeblich darüber, weil ich versuchte, ihm zu erklären, dass es die erste Phase und nur die erste Phase ist, die mich interessiert.

„Das ist doch verrückt“, sagte Julian.

„Vielleicht. Aber es gefällt mir so.“

Julian war schockiert. Er sagte, ich hätte kein Gefühl für Verantwortung, außer für mich selbst.

„Aber die Wirklichkeit ist anders“, sagte Julian.

„Du möchtest, dass wir miteinander alt werden, aber ich habe nicht vor, alt zu werden, Julian.“

Ich bin mir sicher, dass es einen Haufen Mädchen gibt, die  begeistert wären, wenn sie eine Beziehung mit Julian hätten. Er ist intelligent, belesen, manchmal kapiert er richtig schnell. Er hat einen Job,  außerdem sieht er nett aus. Ich würde meinen, dass er eine gute Partie ist.

„Da draußen  laufen eine Menge Mädchen…“

„Frauen“, korrigiert er mich.

„Richtig. Frauen für dich herum. Warum willst du mich? Ich mach dir nur Kummer, Liebling.

Ich bin zu eitel, um akzeptieren zu können, dass ich durch eine Anzahl anderer Frauen ersetzt werden könnte.

„Verstehst du denn das nicht“, ich werde laut, weil ich mich so ärgere, „du müsstest auf mich scharf sein. Nicht auf irgendeine anonyme Fotze, deren Vorgaben ich erfülle.“

„Pscht“, sagt er. „Die Leute gucken schon.“

„Julian, wie kommst du auf die Idee, dass du dich mit mir `in Beziehung setzen´ könntest? Du hättest innerhalb von zwei Wochen die Schnauze voll von mir.“

Julian sagt mir, dass dem nicht so sei; er würde mich ewig lieben. Die Vorstellung für immer mit einem Jammerlappen wie Julian ist zum Kotzen. Ich könnte Julian höchstens eine Woche lang lieben.

„Julian, du wärst unglücklich mit mir. Ich würde es mit jedem tun. Ich könnte nie treu sein.“

Julian lehnt sich vor.  „Gibst es da einen anderen?“

Ich sage ihm, dass da immer jemand anderer ist, und er möchte wissen, ob es jemand ist, den er kennt.

„Jemand, mit dem wir auf der Schule waren?“ fragt er.

„Kein bestimmter. Es ist bloß so, dass sicher jemand auftauchen würde. Ich kann dich nicht lieben, weil du mir erzählst, dass du mich liebst und dich dann zurücklehnst und zusiehst, was ich damit mache.“

„Was soll ich denn sonst machen?“

„Alles.“ Ich beschreibe ihm die erfolgreichen  Bemühungen vergangener Liebhaber und die Mittel, mit denen sie mich verfolgen: Briefe, Sonette, Hartnäckigkeit, Parfüm, Grüße im Radio.“ Auf Schmeicheleien falle ich einfach rein“, sage ich ihm.

„Du siehst heute abend besonders hübsch aus“; sagt er.

„Vergiss  es, Julian.“

Julian begreift einfach nicht, warum er mich nervt. Er hört nicht auf, seinen Kopf gegen die Betonmauer  zu knallen, und fragt wieder und wieder, was er tun könne. Er sagt, dass er glaubt, dass mit uns funktionieren könnte, wenn ich uns nur eine Chance gäbe.  Ich sage ihm, dass ich das jetzt und in Zukunft nicht tun würde und dass er aufhören solle zu betteln – das ist unmännlich.

„Dann gibt es keine Möglichkeit?

„Keine, Julian.“

Wir lassen die Rechnung kommen. Julian dreht sie um und sagt: „Wieviel Geld hast du dabei? Ich habe nicht genug.“

Was für ein Versager. Ich werfe ihm  einen Zehner hin, und er fragt: „Wir können aber Freunde bleiben, oder?“