Karl und ich

Карл и я

Ich saß mit Karl in mexikanischer Bar, und wir redeten über die alten Zeiten und darüber, was eigentlich aus uns geworden war.

Seit Marlene ihm weggelaufen war, war nicht mehr viel mit ihm anzufangen. Er wurde leicht wütend, war schnell erregbar, oft depressiv. Er hatte Marlene in all den Jahren immer schlecht behandelt. Er hatte sie angeschrien und betrogen, aber er hatte nie damit gerechnet, dass sie ihn verlassen würde. Aber eines Tages war Marlene weg.

Karl war mein ältester Freund. Wir kannten uns seit der Schulzeit. Als ich damals im vierten Semester heiraten musste — jedenfalls dachten wir, dass wir müssten, so waren die Zeiten -, da war er mein Trauzeuge gewesen, obwohl er meinen Mann nicht leiden konnte. „Intellektueller Wichspinsel“, sagte er verächtlich und gab uns keine zwei Jahre. Nach der Geburt meines Sohnes Tom, war Karl natürlich auch Toms Taufpate geworden.

„Und? Was macht unser Tom so?“ fragte er.

„Ach“, sagte ich, „brav wie immer, spielt Tennis, trinkt Cola light, der wird noch mal Polizist oder geht zur Jungen Union oder irgend so was, an dem werden wir nur Freunde haben.“

„Sei froh, dass er keine Drogen nimmt und in der Schule gut ist, du weißt, dass das heutzutage ein Wunder ist, oder?

„Ja, klar weiß ich das, ich bin ja auch froh. Aber er ist so entsetzlich langweilig. Du solltest mal sein Zimmer sehen – da wird dir schlecht, so pingelig ist das aufgeräumt. Grauenhaft.“

Karl nickte. „Wie sein Vater“, sagte er, „dieser Korinthenkacker. Weißt noch, der schrieb alle seine Ideen zu Seminararbeiten auf Karteikarten, alphabetisch geordnet.“

„Ob ich das noch weiß?“ fragte ich. „Ich war mit dem Mann sieben Jahre zusammen.“

„Hast du mal wieder von ihm gehört?“ fragte Karl.

„Nein, schon ewig nicht, ich glaube, er lehrt irgendwelche alternativen Wege der Medizin oder so.“

„Langweiler. Sei froh, dass du den los bist. Tom ist ein guter Junge, der wird nicht so spießig, den verderben wir beide schon ein kleines bisschen.“

Wir mussten lachen und prosteten uns zu.

„Wir beide haben kein Glück mit unseren Beziehungen, was?“ lachte er, und ich dachte an Block.

Block hatte vor genau zwei Wochen die Tür zugeknallt und gesagt: „Du kannst mich mal, Irene.“

Anfangs hatte ich noch auf einen Anruf gewartet, ich hatte gedacht, ich würde ihn einfach in einer unserer Kneipen treffen und sagen: Hallo, Block!, und er würde sagen: Da bist du ja, Irene, und dann würden wir über alles reden. Nichts da. Block war und blieb weg.

Mit Rupert hatte ich vier Jahre zusammengelebt, vor Block. Es war gutgegangen, alles in allem, aber dann hatte Rupert sich verliebt, geheiratet, war weggezogen, und ich hatte nichts mehr von ihm gehört. Und dann kam eine SMS: Bin Samstag in der Stadt, würde dich gern sehen, Rupert.

Es war Freitagnacht. Mein Kopf war schwer von zu viel Tequila und Corona, und ich sah in den Spiegel. Was ich sah, gefiel mir nicht.

Die Wohnung sah ziemlich schrecklich aus. Seit Block weg war, hatte ich alles stehen – und liegenlassen, den Müll, die alten Zeitungen, Berge von leeren Flaschen. Alle Aschenbecher waren voll, das Bett war grau und ungemacht, die Balkonpflanzen mal wieder eingegangen.

Die Wohnung und ich, wir waren in keinem guten Zustand. Ich hatte die Wahl: entweder alles weitergammeln lassen und denken: bleib draußen, Welt – oder ich pack´s noch mal an und versuch zum ich weiß nicht wievielten Mal, aus meinem Leben noch irgendwas zu machen.

Ich ging unter die Dusche und ließ mir bestimmt eine Viertelstunde lang heißes Wasser über Kopf und Körper fließen. Ich wurde warm, locker, das tat gut. Und ich freute mich auf den Augenblick, in dem ich das Wasser auf eiskalt stellen würde, denn dann hätte ich es geschafft.

Es kam hart und schmerzhaft, es war wie ein Schock, aber meine Haut straffte sich, meine Augen wurden  klar, mein Kopf frei.

Tom war mit seiner Schule auf Klassenfahrt. Ich war allein, und die nächsten Stunden waren großartig. Ich fegte und putzte, ich warf vertrocknete Blumen und alte Zeitungen weg, ich brachte die leeren Flaschen in den Keller, ich hänge meine Kleider auf Bügel oder warf sie in den Sack für die Reinigung. Ich zog  die Laken ab und bezog es frisch. Ich spülte, polierte die Waschbecken in Küche und Bad.

Es ging mir gut, endlich wieder. Um drei Uhr früh fiel ich ins Bett, bei weit geöffnetem Fenster, und ich schlief tief und selig und traumlos.

Um zehn Uhr wurde ich wach, weil es klingelte. Nein, dachte ich, nicht mit mir, nicht jetzt, nicht so früh. Erst will ich frühstücken. Erst will ich die Zeitung lesen, dann bin ich bereit für die Menschheit, dann erst.

Ich blieb liegen und ließ es klingeln. Der Briefträger? Rupert, jetzt schon? Egal. Ich kochte mir einen schönen, starken Kaffee, rauchte eine gute, starke Zigarette und ließ es klingeln.

Es klingelte Sturm, ich wurde wütend.

Und dann war es ganz still, nur das Geräusch, mit dem ich die Zigarette ausdrückte. Das war geschafft. Ich ging zum Fenster und sah vorsichtig hinter der Gardine nach unten. Auf der Straße stand Block, nicht Rupert. Block, schmal und ganz in Schwarz, wie immer. Chronisch schlecht gelaunt, Block, der mich immer nur belehrt hatte: Ich las die falschen Bücher, ich hörte die falsche Musik, alles an mir war falsch, vor allem mein Beruf als Lehrerin an einer Gesamtschule. Total falsch.

Ich setzte mich wieder an den Küchentisch, machte mir eine Flasche Wein auf und überlegte, was ich eigentlich vom Leben wollte. Einen Mann? Eine richtige Familie? Bestimmt nicht. Nur ein paar gute Freunde – aber möglichst auch nicht zu nah. Ich wollte keine Anrufe von hysterischen Freundinnen, die mit über vierzig noch schwanger wurden und mir mitten in der Nacht ihre Fruchtwasseranalysen mitteilten. Ich wollte auch keinen Mann mehr an meinem Küchentisch haben, seine Wäsche nicht auf dem Fußboden in meinem Bad, ich wollte nicht jede Nacht einen Mann in meinem Bett haben. Aber wie macht man das, nur ab und zu? Tom würde mich in drei Jahren verlassen, dann hatte er sein Abitur, dann würde er Sport studieren oder Zahnmedizin, irgendeine Ulrike heiraten, entzückende Kinder kriegen und die der Oma in den Ferien schicken, und die Oma wäre ich – nein, das alles wollte ich auch nicht.

Ich wollte ich sein, mit meiner Art, zu leben und Unordnung zu machen, zu rauchen, zu arbeiten. Kein Rupert mehr, kein Block. Ich wollte ich sein, nicht mehr Gattin, Mutter, Tochter, noch nicht Oma, einfach nur ich.

Und es klingelte schon wieder. Es war inzwischen schon Abend geworden. Ich nahm meinen Wein und die Zigaretten und ging ins Wohnzimmer.

In diesem Augenblick drehte sich in meiner Wohnungstür ein Schlüssel. Tom konnte das noch nicht sein. Rupert hatte mir den Schlüssel damals zurückgegeben. Mein Ehemaliger hat zu dieser Wohnung nie einen Schlüssel besessen.

Es war Karl. Er stand in der Tür, klein, kräftig, er sah verwirrt aus.

„Warum machst du nicht auf“, fragte er, „bist du tot?“

„Ich glaube nicht“, sagte ich, „aber ich will meine Vergangenheit nicht reinlassen.“ Und ich war so glücklich, Karl zu sehen.

„Doch“, sagte Karl, „lass sie rein. Lass mich rein.“

Und endlich küssten wir uns, endlich, nach zwanzig Jahren Umweg, hungrig, verwundert, glücklich, unsere ganze lange Geschichte war an dem Punkt angekommen, auf den sie immerzugesteuert war.