Luise

 

Луиза

Mama hat gesagt, sie bekommt Besuch. Eine Freundin von ihr kommt zum Tee und bringt ihr kleines Mädchen mit, und ich war gar nicht besonders froh darüber. Ich kann kleine Mädchen nicht ausstehen, die sind blöd und können nichts anderes spielen, als mit Puppen.

„Du wirst sehr nett und höflich sein zu Luischen“, hat Mama mir gesagt, „sie ist ein reizendes kleines Mädchen, und du musst zeigen, dass du gut erzogen bist.“

Wenn Mama zeigen will, dass ich gut erzogen bin, zieht sie mir den blauen Anzug an und das weiße Hemd. Ich habe zu Mama gesagt, ich will lieber mit den anderen Jungen ins Kino, aber Mama hat mich groß angeguckt.

„Also, ich bitte dich, sei nicht so roh mit dem kleinen Mädchen – sonst kriegst du es mit mir zu tun, verstanden?“ hat Mama gesagt.

Um vier Uhr ist die Freundin von Mama gekommen und hat ihr kleines Mädchen mitgebracht. Mamas Freundin hat mir einen Kuss gegeben und hat gesagt: „Du bist aber schon ein großer Junge – das sagen alle zu mir, und dann hat sie gesagt, das ist Luischen, und Luischen und ich, wir haben uns angesehen. Sie hat ganz gelbes Haar und Zöpfe und blaue Augen. Wir haben uns schnell die Hand gegeben, nur mit den Fingerspitzen.

Mama hat den Tee aufgetragen, und das war prima, weil wenn Leute zum Tee kommen, gibt es  Schokoladenkuchen. Wir haben Kuchen gegessen. Hinterher hat Mama gesagt: „Jetzt geht spielen, liebe Kinder. Nick, du gehst mit Luischen auf dein Zimmer und zeigst ihr deine schönen Spielsachen.“

Mama hat ganz süß dabei gelächelt, aber gleichzeitig hat sie große Augen gemacht.

Luischen und ich, wir sind auf mein Zimmer gegangen, und ich hab nicht gewusst, was ich mit ihr sprechen soll. Aber Luischen hat zuerst was gesagt, sie hat gesagt: „Du siehst aus wie ein Affe.“

Das hat mir gar nicht gefallen, und ich habe gesagt: „Und du, du bist nur ein Mädchen“, und da hat sie mir eine Ohrfeige gegeben. Und da hab ich Luischen am Zopf gezogen, und sie hat mich gegen das Schienbein getreten. Da musste ich ja doch „ujie“ schreien, weil es so wehtat. Ich wollte ihr eine reinhauen, aber da hat Luischen von was anderem angefangen, sie hat zu mir gesagt: „Na, und deine Spielsachen? Krieg ich die jetzt zu sehen oder nicht?“.

Ich wollte ihr gerade sagen: meine Spielsachen sind Spielsachen für Jungen, basta – aber da hat sie meinen kleinen Plüschbären gesehen, den ich halb geschoren habe mit Papas Rasierapparat. Ich habe ihn nur halb rasiert, weil der Rasierapparat dabei kaputtging.

„Was, du spielst mit Puppen?“ hat Luischen gefragt und hat gelacht.

Ich wollte sie an den Zöpfen ziehen, da ging die Tür auf, und unsere Mamas kamen herein.

„Na, Kinder“, hat Mama gesagt, „spielt ihr auch schön?“

„O ja“, hat Luischen gesagt und hat die Augen ganz weit aufgerissen dabei, und dann hat sie die Augendeckel ganz schnell rauf und runter geklappt, und Mama hat ihr einen Kuss gegeben und hat gesagt: „Reizend, also wirklich, ganz bezaubernd.“ Und Luischen hat wieder ganz toll mit den Augendeckeln geklappert.

„Zeig Luischen auch mal deine schönen Bilderbücher“, hat Mama gesagt.

Ich habe meine Bücher vom Bücherbrett runtergeholt und hab sie Luischen gegeben. Aber sie hat sie gar nicht angesehen, sondern auf die Erde geschmissen.

„Bücher – das interessiert mich nicht“, hat sie zu mir gesagt. „Hast du nicht was Lustigeres?“ Und dann hat sie auf dem Bücherbrett mein Flugzeug entdeckt.

„Lass das liegen“, hab ich gesagt, „das ist nichts für Mädchen – das ist mein Flugzeug!“

„Ich bin eingeladen“, hat sie gesagt. „Ich darf mit deinen Sachen spielen, mit allen – und wenn du mich nicht spielen lässt, dann rufe ich meine Mama, und dann werden wir ja sehen“.

In der Zeit, wo ich nachgedacht hab, hat Luischen am Propeller gedreht und den Gummimotor aufgezogen. Und dann hat sie das Flugzeug losgelassen. Sie hat es aus meinem Zimmerfenster rausgelassen, das offen war.

„Da siehst du, was du gemacht hast – so ein Blödsinn!“ habe ich geschrien. „Mein schönes Flugzeug – jetzt ist es kaputt! Und ich hab angefangen zu weinen.

„Ist ja gar nicht wahr“, hat Luischen gesagt. „Guck mal, da unten im Garten, da liegt es! Wir brauchen es nur zu holen.“

Unten im Garten hab ich das Flugzeug aufgehoben – war nichts passiert, zum Glück. Und Luischen hat zu mir gesagt, was sollen wir machen?

„Ich weiß nicht. Ich habe keine Spielsachen hier draußen“, habe ich gesagt, „außer meinem Fußball, der liegt in der Garage.“

Wir haben den Ball geholt, und ich kam mir saublöd vor – ich hab Angst gehabt, dass meine Kameraden mich sehn, wie ich mit Mädchen spiele.

„Stell dich da zwischen die beiden Bäume“, hat Luischen gesagt, „so – und jetzt wollen wir mal sehen, ob du halten kannst.“

Na, ich hab gedacht, das ist ja´ne Marke, da kann man ja nur drüber lachen – aber schon ist sie angelaufen und – bumm – ein toller Schuss! Ich habe den Ball nicht halten können, und klirr – eine Scheibe vom Garagenfenster war hin. Die Mamas sind aus dem Haus rausgekommen, und meine Mama hat gesagt: „Nicki! Du solltest dich lieber um deine Gäste kümmern, anstatt so rohe Spiele zu spielen. Ich hab Luischen angeguckt, aber sie war ganz hinten im Garten und hat an den Blumen gerochen – besonders an den Begonien.

Am Abend habe ich keinen Nachtisch gekriegt zur Strafe. Aber macht nichts – Luischen ist Klasse. Und wenn ich groß bin, wird geheiratet!