Meine erste Liebe

Моя первая любовь

 

Ich heiße Lily Blachon, Lily B. für alle, die mich besser kennen. Ich bin sechzehn Jahre alt und besuche die elfte Klasse am Lycee  George Sand in Montmouton, am Stadtrand von Paris.

Manchmal träume ich davon, sehr schön, sehr reich und endlich meine Eltern los zu sein. Meine Mutter heißt Marie. Mein kleiner Bruder heißt Maxime. Meine Eltern sind seit einem Jahr geschieden. Wir haben ein neues Leben angefangen, wir wohnen in einem großen Haus mit unserem Stiefvater Bruno und einem Stiefbruder aus dessen erster Ehe. Er heißt Jean. Außerdem erwarten wir auch noch Zwillinge.

Bernard, mein Vater, lebt weiter in unserer alten Wohnung. Beruflich pflegt er sein Image des unverstandenen Künstlers mit Dreitagebart. Zwischen diesen beiden Extremen habe ich häufig das Gefühl zu ersticken: die bürgerliche Spießigkeit a la Marie kotzt mich an und beim Bohemeleben a la Bernard wird mir auch schlecht.

Zum Glück habe ich mein eigenes Leben: die Schule und vor allem meine Freundinnen und Freunde. Die Orte, an deren wir uns treffen, sind meine Heimat. Emma ist meine Freundin, die alles von mir weiß, früher noch als ich selbst. Emma! Man könnte meinen, dass sie schon hundert Leben gelebt hat. Sie gibt uns Mädchen gute Ratschläge. Sie tröstet die Jungs. Wir helfen uns gegenseitig, wir streiten uns, wir versöhnen uns wieder.

Von allen Mädchen aus unsere Cligue ist Constance die Schönste. Ich mustere sie immer wieder von allen Seiten, es gibt absolut nichts zu bemängeln. Es wird ihr nie passieren, dass sie am Ende des Monats tausend Gramm zu viel wiegt, dass sie mit dem Abdruck des Kopfkissens auf der Wange aufwacht, dass ihr eine Viertelstunde vor einem Rendezvous ein Stresspickel wächst. Nein, niemals. Bei ihr ist alles perfekt, wie aus einem Guss: schöne Haut, gute Figur, alles, was man so braucht, genau dort, wo man es braucht. So einfach ist das. Sie gefällt allen männlichen Wesen, die ich kenne, egal welche Altersklasse. Sie gefällt Bernard, meinem Vater, sie gefällt Bruno, meinem Stiefvater, sie gefällt Jean, meinem Stiefbruder und sie gefällt sogar Maxime, meinem kleinen Bruder. Sie ist wirklich schön. Oder wie Armelle immer sagt: „Wenn ich so einen Körper hätte, dann wäre ich schon lange keine Jungfrau mehr.“ Doch Constance ist emotional ein Spätzünder. Sie hat sich noch nie zu einem Jungen hingezogen gefühlt. Sie verdreht ihnen den Kopf, ohne es zu merken.

Im Leben dreht sich alles nur um Sex. Wenn die Menschen weinen, dann meistens aus Liebeskummer. Wenn irgendwo gelacht wird, dann in 75 Prozent der Fälle, weil jemand einen dreckigen Witz erzählt hat. Und wenn alles ruhig ist, dann läuft in den Wohnungen gerade der Fernseher, wo es auch  nur dieses eine Thema gibt. Als ob ich die Einzige wäre, die ES noch nicht getan hat!

Die Kinder von Eltern, die nicht geschieden sind, glauben oft, dass es Scheidungskinder besser haben. Wenn ihnen manchmal alles auf die Nerven geht, dann können sie einfach das Zuhause wechseln. Aber Eltern bleiben immer Eltern. Wenn ich es bei meiner Mutter nicht aushalte, dann habe ich auch keine Lust, zu meinem Vater zu gehen. Ich gehe dann zu Robert und Alec. Ich habe mich im letzten Schuljahr mit meinem Geschichtslehrer angefreundet, Robert Turpin. Ich habe von ihm das Lernen gelernt. Aber noch enger bin ich mit Alec, seinem Lebensgefährten, befreundet. Bei Robert und Alec bin ich ganz bei mir.  Ich bin dort ganz ich selbst. Sie mögen mich nicht, weil ich früher einmal ein hübsches Baby war. Sie mögen mich, weil ich so bin, wie ich bin.

Woher weißt man, dass man liebt?

Ich habe alle gefragt, die noch mit mir reden wollten. Zuerst habe ich meine Mutter gefragt: „Woher weißt du, dass du Bruno mehr liebst als Papa?“

„Ich habe versucht, mir den Rest meines Lebens ohne Bruno vorzustellen, und ich konnte es nicht. Es ergab einfach keinen Sinn.“

Dann habe ich Bruno gefragt: „Woher weißt du, dass du Mama liebst?“

„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas empfinde. Wenn ich mit ihr zusammen bin, fühle ich mich zu Hause, ganz bei mir. Deine Mutter ist meine Heimat.“

Dann habe ich Alec gefragt: „Woher weißt du, dass du Robert liebst?“

„Seit ich ihn kenne, habe ich keine Angst mehr.“

Dann habe ich Robert gefragt.

„Seit ich Alec kenne, fühle ich mich frei.“

Ich habe auch meinen kleinen Bruder Maxime gefragt, der neun Jahre alt ist: “Woher weißt du, dass du Camille liebst?“

„Weil ich glücklich bin, wenn sie glücklich ist, und weil ich traurig bin, wenn sie traurig ist.“

Ich habe meinen Vater gefragt: „Woher weißt du, dass du Mama immer noch liebst?“

„Weil sie mir immer noch fehlt.“

Wie kompliziert die Liebe!

Florian fehlt mir. Seine Großzügigkeit fehlt mir. Sein ganzes Wesen fehlt mir. Sein Körper fehlt meinem Körper.

Eine heisere Stimme, Halsweh, vierzig Grad Fieber. Ich konnte nicht mehr sprechen. Und das kurz vor den mündlichen Prüfungen.

Meine Mutter, die meine „psychosomatische Veranlagungen“ kennt, erklärte: „Das  ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um aus Liebeskummer krank zu werden.“ Als ob es irgendwann richtig sein könnte, krank zu werden. Typisch Eltern! Tief in ihrem Herzen sind alle Eltern Kapitalisten. Kapitalisten der Gefühle. Sie wollen, dass die Liebe zu uns sich für sie auszahlt. Dass man alle Prüfungen schafft, einen ordentlichen Beruf ergreift, ein gutes Einkommen hat, viel Geld verdient! Ich bin am Boden zerstört. Ich werde mich nie mehr über diesen Kummer hinwegtrösten können. Ich wollte niemanden sehen.

„Du hast Liebeskummer!“ Jean verrührte eine zerguetschte Banane mit Honig und einem Joghurt.

Es war nach Mitternacht und ich war in die Küche hinuntergegangen, um eine heiße Milch zu trinken.

„Du isst ja eine zweite Banane!“

„Ich mag keine Bananen.“

„Du solltest aber welche essen, das ist gut für das seelische Gleichgewicht, besonders in Prüfungszeiten.“

„Was geht dich das an? Mein seelisches Gleichgewicht, meine Prüfungen, der ganze Kram? Hat dich meine Mutter beauftragt? Sollst du dich darum kümmern, dass ich schön brav lerne?“

„Ich interessiere mich für dich, das ist alles!“

„Seit wann denn? Seit es mir nicht gut geht? Auf dein Mitleid kann ich verzichten.“

„Und ich kann auf deine Arroganz gut verzichten… Ich weiß nur, dass ein Mädchen, das in einem Junge so starke Gefühle weckt, keine totale Null sein kann.“

„Von wem redest du?“

„Ich rede von dir und Florian. In der Liebe kann nur derjenige die Wunde heilen, der sie dir zugefügt hat.“