Mit Dank zurück

Благодарность

Als Franziska nach dem Abitur ihr Elternhaus verließ, um in München zu studieren, war sie neunzehn Jahre alt und immer noch Jungfrau. Das war damals nicht gerade etwas Besonderes. Von jungen Männern erwartete man, dass sie sexuelle Erfahrungen sammelten, dass sie sich austobten, aber junge Mädchen, hieß es, mussten sich aufheben.

Franziska dachte nicht daran, sich bis zur Hochzeit aufzuheben, sie wollte auch Erfahrungen machen, sie wollte wissen, was das ist: ein Mann, sie wollte diese berühmte erste Nacht endlich hinter sich bringen. Aber es sollte ein Könner sein, keiner von diesen blassen Schülern, die sie zum Tanzen abholten.

Das erste Semester mit Romanistik ging vorbei, und es war immer noch nichts passiert. Und sie hatte im ersten Semester auch wirklich viel tun müssen – sich in die richtigen Seminare einschreiben, die Universität, die Bibliotheken, das Studentenleben kennenlernen.

In den Semesterferien war sie mit ihrer Freundin nach Frankreich gefahren und hatte in Burgund bei der Weinlese mitgeholfen. Viel Arbeit, wenig Bezahlung, sehr viel Spaß, aber der Mann, den sie sich für ihre erste Nacht gewünscht hätte, war unter all den Erntehelfern auch nicht dabei gewesen.

Im zweiten Semester musste Franka sich einen Job suchen. Sie fing als Briefträgerin an. Das brachte achthundert Mark im Monat, alles in allem kein schlechter Job, aber man musste dafür um fünf Uhr aufstehen, um fünf Uhr, das war einfach grauenhaft.

Der Job bei der Post ermöglichte Franka nach und nach einige Einblicke in die männliche Seele.

Einmal war sie fast soweit. In ihrem Zustellbereich wohnte ein schön ergrauter, vierzigjähriger Mann, der ein bisschen verlebt, aber immer noch imponierend aussah. Eines Morgens trat er dicht vor sie, er roch gut, und er gab ihr einen Zwanzigmarkschein.

„Wie heißen Sie?“ fragte er.

„Franka“, sagte sie.

„Franka. Hören Sie, Franka, wenn ein Brief mit dieser Schrift in der Post ist, dann bitte nicht in den Briefkasten. Niemals in den Briefkasten, Franka. Die Garage ist immer offen, legen Sie ihn bitte oben hinter die erste Farbdose links, da wird auch immer so ein Schein auf Sie warten. Franka, meine Liebe, haben wir uns richtig verstanden?“

Drei Tage später war so ein Brief gekommen. Franka öffnete ihn natürlich vorsichtig und las ihn. Eine Ulla aus Bremen schrieb, dass sie es kaum erwarten könne, ihn am Wochenende zu sehen, und sie werde ihn am Bahnhof abholen und keine Unterwäsche tragen, egal, wie kalt es sei, das solle er wissen. „Und dann“, schrieb sie, „kannst du es mir sofort machen, im nächsten Hauseingang, auf der Toilette im Cafe, im Fahrstuhl, und danach gehen wir unter die Leute, und dann werde ich dieses Gesicht haben, du weißt schon, mein Herrlicher.“

Franka klebte den Brief mit zitternden Fingern wieder zu. Sie dachte jetzt Tag und Nacht nur noch an Sex, aber den schönen Mann sah sie nie mehr, fand nur regelmäßig seine Zwanzigmarkscheine hinter der Farbdose.

Und dann traf sie ihn.

Sie radelte nach ihrer Tour zurück zum Postamt, er ging auf dem Radweg. Sie klingelte, er drehte sich um. Er war groß, blond, hatte unglaublich helle Augen und eine wunderbare Art, sie anzugrinsen.

„Sorry!“, rief er, und sie drehte sich noch einmal nach ihm um und grinste auch. „Aufpassen, schöner Mann!“ rief sie.

Bei der Post stellte sie ihr schweres Rad ab.

Er stand draußen. Er lehnte an der Wand, grinste und rauchte, und Franka dachte: Der ist es.

Sie ging einfach auf ihn zu.

„Warum kenn ich dich nicht, ich dachte immer, ich kenne alle hübschen Frauen“.

Später erfuhr sie, dass er Schlosser aus Ulm war, Zeitsoldat, fünfunddreißig Jahre alt.

„Was machst du am Wochenende?“ fragte er. Und Franka sagte: „Da bin ich mit dir zusammen und du erklärst mir das wirkliche Leben.“

„Heute scheint ja mein Tag zu sein. Also gut: ich fahre am Samstag nach Landsberg, da heiratet ein Freund von mir. Willst du mit?“, fragte er.

Und ob sie wollte. Sie wäre am liebsten sofort gefahren, gleich jetzt. In der Nacht von Freitag auf Samstag konnte sie nicht schlafen.

Er kam in einem silbergrauen VW, und er hupte. Sie konnte sich nicht rühren, sie konnte einfach nicht. Schließlich stand sie auf, ging zum Spiegel und sah ihr Mädchengesicht an. So fiebrig, so hungrig.

Sie flog die Treppe hinunter, versuchte, lässig auf ihn zuzuschlendern und sagte : „Hallo.“

Sie sahen sich beide prüfend an. Es war doch alles ziemlich schnell gegangen. Sie schätzten sich ab und waren zufrieden, beide.

„Heinrich“, sagte sie, „ich habe ein Geheimnis, aber das erzähle ich dir erst heute abend.“

„Ich liebe geheimnisse von Frauen“, sagte er.

Sie nahmen ein Doppelzimmer in einem alten Gasthof.

Heinrich sah sie an und spürte ihre Bereitschaft. Er hatte genug Frauen gehabt, um diesen speziellen Geruch der Lust sofort zu wittern. Er zog Franka die Schuhe aus.

„Oh“, murmelte er heiser, „keine Wäsche.“

„Heinrich, mein Geheimnis ist: du bist der erste.“

Er lag schwer auf ihr. Sein hartes Glied erschlaffte.

„Scheiße. Das darf doch nicht wahr sein, wie alt bist du? Neunzehn? Und warum tust du dann so erfahren und gehst sofort mit dem ersten ins Hotel?“

„Weil ich wusste, dass du der Beste bist. Ich habe immer auf den Richtigen gewartet.“

„Und ich bin der Richtige?“ fragte er ungläubig.

Sie nickte. „Du bist ein Kenner und ein Könner. Das sieht man. Ich will einen, der es gut macht. Mit dem es – Spaß macht.“

Es waren zehn Tage der Liebe. Sie liebten sich im Bett, auf dem Fußboden, auf dem Küchentisch, in der Badewanne, sie liebten sich im Stehen, unter Bäumen im Wald, sogar in seinem VW, sie liebten sich, sooft er konnte. Sie konnte immer. Und er war ein herrlicher Lehrmeister, er wusste alles, was Männer und Frauen miteinander machen können. Es gab keine Hemmungen, keine Ängste, alles war möglich, alles war erlaubt.

Am Ende dieser zehn Tage sah sie ihn an und dachte: Nun ist es genug. Es gab nicht mehr, was sie nun noch hätte ausprobieren. Sie hatten sich im besten Sinne aneinander satt geliebt, lagen stumm und zufrieden nebeneinander im Bett und schliefen in der letzte Nacht tief und fest.

Als er sie vor ihrem Haus absetzte, umarmte sie ihn und sagte: „Ich werde dich nie vergessen, Heinrich. Ich bin dir für immer dankbar.“ Er küsste sie und sagte: „Du warst eine verdammt gute Schülerin. Jetzt mach was draus.“

Franka vergaß ihn, aber nie so ganz. Ihre Beziehungen zu Männern waren gut, leidenschaftlich, unkompliziert. Sie heiratete dann den Direktor einer Fabrik für Kupferdraht. Er war reich, sie waren glücklich. Franka nannte sich nun Franziska und übersetzte Literatur aus dem Französischen und Italienischen. Ihr Mann und sie waren viel auf Reisen in der ganzen Welt, verstanden sich gut, hatten keine Kinder.

Im Herbst 1990 war Franziskas Mann in Neuseeland. Sie war in dieser Zeit zu einer Freundin nach München gefahren. Franziska fuhr erster Klasse und sah in den Regen. Sie war jetzt sechsundvierzig Jahre alt. Eine Dame in Armani mit einem Brillantring und einer teuren Uhr, und die Zeit der Abendteuer war wohl vorbei.

„Unser nächster Halt ist Ulm, “kam die Durchsage.

Ulm. War Heinrich nicht damals nach Ulm gezogen, vor siebenundzwanzig Jahren? Ob er immer noch dort lebte?

Und plötzlich hatte sie große Lust, Heinrich wiederzusehen. Einfach so.

Er war jetzt zweiundsechzig. Er würde natürlich verheiratet sein. Sie bat den Taxifahrer, auf sie zu warten.

Sie erkannte ihn sofort, aber sein Gesicht verriet Unsicherheit. Er war ein alter Mann geworden, schwer, in einer schlabbrigen Strickjacke.

„Kennst du mich noch, Heinrich. Ich bin die kleine Studentin. Franka.“

„Ich wird nicht mehr“, sagte er und schloss sie in seine Arme. „Wie lange ist das her?“

„Fast dreißig Jahre“, sagte sie. „Ich bin zufällig in Ulm.“ Franziska sah sein müdes altes Gesicht, tiefe Falten, Spuren von zu viel Alkohol.

„Komm rein. Die kleine Franka“, sagte er und sah sie prüfend an. “Du hast dich gut gehalten im Gegensatz zu mir.“

„Ich bin ja gute sechzehn Jahre jünger als du“, lachte sie, „was machst du? Was macht der Waschsalon, komm, erzähl mal.

„Das weißt du noch?“ staunte er. „Ja, hab ich gemacht damals, zwei Waschsalons, liefen gut. Jetzt bin ich Frührentner, hatte einen Unfall. Und die Leber. Immer zu viel gesoffen.“

„Verheiratet? fragte Franziska.

„Dreimal verheiratet, dreimal geschieden, zwei Töchter. Und du?

„Glücklich verheiratet, keine Kinder. Ich weiß noch alles“, sagte sie lächelnd.

„Naja“, sagte er, „alles weiß ich nicht mehr, aber vieles. Ich erinnere mich gut an dich, Franka. An uns.“

„Wie steht´s heute mit der liebe?“

Er winkte ab. „Gar nichts mehr. Ich hab seit vier oder fünf Jahren mit keiner Frau mehr geschlafen. Da läuft nichts mehr.“

Franka konnte es nicht fassen. „Du warst so ein wunderbarer Liebhaber“, sagte sie, „das hört doch nicht plötzlich auf. Denk mal an Charlie Chaplin, mit über achtzig hat der noch ein Kind gemacht.“

„Willst du, dass ich dir ein Kind mache?“, grinste er, und sie sagte: „Ich bin schon in den Wechseljahren, stell dir vor.“

Sie lachten beide.

„Weißt du was“, sagte sie, „ich bin glücklich, dass ich dich wiedersehe. Wir beide mieten uns jetzt in einem schönen Hotel ein, wie damals, und heute abend essen wir zusammen, was hältst du davon?“

Er verstand sofort.

„Zieh einen Mantel an und Schuhe, mehr brauchst du nicht.“

„Moment“, sagte er, „so kann ich doch nicht gehen“, und er zeigte auf Strickjacke und Cordhose.

„Nein“, sagte Franziska, „so kannst du nicht gehen, darum ändern wir das auch gleich, vertrau mir, lass dich einfach fallen. Damals hast du alles bezahlt, heute zahl ich. Ich bin eine reiche Frau.“

„Ich bin nicht mehr der Adonis von damals.“

„Das wollen wir doch erst mal sehen. Was man einmal kann, verlernt man doch nicht, mit der Liebe ist es wie mit dem Klavierspielen. Man muss nur ein bisschen üben.“

Sie fuhren mit dem Taxi zum feinsten Herrenausstatter der Stadt.

Sie mieteten sich in einer Suite des besten Hotels ein.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das alles noch kann“, sagte er.

„Ein guter Liebhaber ist immer ein guter Liebhaber, auch wenn er mal pausiert.

„Du hast mir etwas zurückgegeben“, flüsterte er und küsste ihre Schulter, und Franziska sagte: „Ich hab dir nichts gegeben, was du mir nichts damals auch gegeben hättest.“

Sie war zufrieden. Sie hatte ihn dem Leben zurückgegeben. Dem Leben, den Frauen, der Liebe.

Am nächsten Tag packten sie ihre Sachen zusammen. Sie lieferte ihn mit dem Taxi bei seiner Wohnung ab. Vor der Haustür umarmten sie sich.

„Danke“, sagte Heinrich.

„Wofür? Mit Dank zurück. Wir sind quitt, “antwortete sie.