Moni

Ich ging mit dem Hund spazieren. Dabei begegnete mir ein kleines Mädchen auf dem Heimweg von der Schule.
„Du hast aber einen schönen, großen Hund. Darf ich den streicheln?“
„Leider nicht. Manchmal schnappt er.“
„So ein schöner Hund. Hat dir den dein Mann geschenkt, wie ihr euch wieder vertragen habt? Mein Vater hat meiner Mutti einen Hund geschenkt, wie er zu uns zurückgekommen ist. Es war ein Pudel.“
„Aha..“
„Leider ist er tot. Unser Nachbar hat ihn aus Versehen überfahren. Rückwärts. Wie er aus der Garage kam. Wir wohnen Bergstraße 9. Kennst du das Haus? Wir wohnen ganz oben neben Tante Lilli.“
„Wenn du Bergstraße wohnst, musst du doch jetzt hier abbiegen.“
„Ooch , ich komme gern noch´n Stück mit dir mit.
„Aber deine Mutti wartet sicher mit dem Essen auf dich.“
„Glaub nicht, die war ja gestern abend kegeln. Wenn sie kegeln war, ist sie hinterher immer krank. Im Kopf und im Magen. Tante Lilli hat mir Frühstück gemacht. Kennst du Tante Lilli? Sie hat mir Pulli gehäkelt, den ich anhab. Findest du ihn hübsch? Ich heiße Moni Häusler, und wie heißt du?“
„Barbara.“
„Hast du auch Kinder?“
„Einen Sohn.“
„Ich hätte gern einen Bruder, aber meine Mutti will nicht mehr. Schade. Ich hätte wirklich gern einen.“
Wir gingen weiter an der Bahn entlang.
„Schau mal, wie weit ich springen kann! Kannst du auch so weit springen, Barbara? Im Turnen bin ich gut. Bloß nicht im Lesen und Schreibe. Ich kann mich nicht konzentrieren, sagt die Lehrerin. Vielleicht muss ich sitzenbleiben. Meinen Eltern ist das egal, bloß meine Oma darf es nicht wissen. Sonst sagt sie wieder, meine Mutti hat Schuld, dass ich nicht gut bin. Sie kann meine Mutti nicht leiden. Meine Oma wohnt in Augsburg. Wir haben da auch gewohnt, wie ich noch klein war. Dann ging´s nicht mehr. Immer die Streitereien mit meiner Mutti. Aber in den Ferien bin ich noch bei meiner Oma, bloß dieses Jahr nicht. Wir fahren nach Mallorca. Fährst du auch nach Mallorca, Barbara? Nein? Hast du kein Geld zum Reisen? Warum kaufst du dir nicht eine Reise auf Ratten? Mein Vati kauft alles auf Raten. Einmal haben sie unser Fernseher abgeholt, weil mein Vati die Raten nicht bezahlen konnte. Das war, wie ihm sein Chef gekündigt hat.“
„Moni, du solltest jetzt wirklich heimgehen. Deine Mutti wartet bestimmt auf dich.“
„Ja, vielleicht“, sagte Moni und verließ mich ohne Abschied.
Ich sah, wie eine junge Frau einen Kinderwagen schob. Moni peilte neuen Anschluß an.
„Du hast aber ein schönes Baby. Darf ich es mal streicheln?“

Beim Weitergehen überlegte ich, ob Moni die junge Frau wohl auch fragen würde:

«Hat dir das dein Mann geschenkt, wie er wieder zu dir zurückgekommen ist?»