Nix los

 Скука

«Nix los in Charlottenburg“, seufzte mein Freund Thomas. Vor einem Jahr übernahm er als Geschäftsführer ein Restaurant in der Nähe des Savigny-Platzes und langweilt sich seitdem zu Tode. Jedesmal wenn ich ihn besuche, erzählt er mir, wie toll dieses Lokal früher war – das einzige Restaurant in der Stadt mit echter fränkischer Küche im Angebot: blaue gekochte Bockwürste in Apfelsud und dazu erlesene Weine. „In den zwanziger Jahren wurden hier sogar Wohltätigkeitskonzerte veranstaltet, und jede Menge berühmte Musiker traten hier auf . . . Heute kommen nur noch drogenabhängige Punker mit ihren Gitarren bei uns vorbei, sogar die Touristen meiden uns und fahren inzwischen nach Ostberlin“, beschwerte sich Thomas. „Ostberlin ist gerade in“, bestätigte ich. Wir saßen beide an einem Ecktisch, draußen leuchteten Girlanden, die ganze Stadt verwandelte sich unaufhaltsam in einen einzigen Weihnachtsmarkt.

Das Restaurant war an dem Abend leer, nur zwei Rentner nippten an ihren Kaffeetassen, und ein junges Pärchen besprach seine interne Beziehungssituation. Keiner interessierte sich für Thomas blaue Würste. Da ging die Tür auf – eine Frau betrat das Lokal. Sie trug ein langes schwarzes Kleid unter dem Mantel und hatte einen riesengroßen Hut auf dem Kopf. Als käme sie aus einer anderen Zeit oder als hätte der Fundus der Komischen Oper seine Garderobe zu Weihnachten verramscht.

„Ich habe Hunger“, sagte sie zu Thomas. „Was würden Sie mir empfehlen?“ Thomas empfahl ihr natürlich die blauen Würste, dazu einen Rotwein und Pflaumenkuchen zum Dessert. Die Frau aus den zwanziger Jahren aß alles auf, trank anschließend noch einen Cognac und weigerte sich dann zu bezahlen. So etwas passierte Thomas zum ersten Mal. Zwar war es schon mehrmals vorgekommen, dass Kunden wegliefen, ohne ihre Rechnung zu begleichen, doch diese Frau hatte nicht vor wegzulaufen. „Ich zahle nie“, wiederholte sie nur immer wieder, „das lehne ich prinzipiell ab.“ Thomas war aufgeschmissen.

Die Frau lächelte ihn freundlich an und fragte, ob er vielleicht eine Zigarette für sie habe. Er riet ihr stattdessen mit bösem Gesicht, die Rechnung zu bezahlen: „Sonst werde ich die Polizei alarmieren.“ „Tun Sie, was Sie für richtig halten, ich zahle nie“, wiederholte die Dame. Thomas ging zum Telefon, kehrte dann aber wieder zu der Dame zurück: Er hatte keine Lust auf die Polizei. „Überlegen Sie es sich noch mal gründlich, das kann nämlich schlecht für Sie ausgehen“, warnte er.

„Junger Mann“, sagte die Dame „brüllen Sie mich nicht so an, alarmieren Sie von mir aus die ganze Stadt, ich werde nicht weglaufen. Kann ich noch einen Rotwein haben?“ „So eine Frechheit!“, rief Thomas verzweifelt und telefonierte dann doch mit der Polizei. Alle Gäste starrten nun die Dame mit dem Hut an. Sie benahm sich sehr gelassen, als täte sie so etwas jeden Tag. Wahrscheinlich tat sie das auch. Einer der Rentner gab ihr eine Zigarette.

Die Polizei kam und kam nicht. Thomas wurde immer nervöser und drehte sinnlose Kreise durch sein Restaurant. Die Dame strahlte währenddessen weiter Freundlichkeit aus. Eine halbe Stunde verging. „Regen Sie sich nicht so auf“, beruhigte sie den Geschäftsführer, „sie kommen schon noch – früher oder später. Die Polizei hat heutzutage viel zu tun.“

„Zahlen Sie lieber Ihre Rechnung“, erwiderte Thomas, „und wir gehen als Freunde auseinander.“ „Freundschaft hat mit Geld nichts zu tun“, konterte die Frau. „Wenn wir uns dem Kapital unterordnen und nur durch Rechnungen miteinander kommunizieren, dann werden wir bald den Rest unserer Menschlichkeit verlieren und zu Tieren herabsinken“, erklärte sie und starrte an die Decke. „Das stimmt“, bestätigte einer der Rentner aus der Ecke und bot der Dame noch eine Zigarette an. „Ich heiße übrigens Johannes“, sagte er. „Aber Sie haben doch meine Würste gegessen“, widersprach Thomas, „einfach so! Ist das etwa menschlich?“ „Ich habe mich dafür bedankt“, konterte die Frau.

Noch eine halbe Stunde verging, die Polizei war immer noch nicht da. „Möchten Sie vielleicht einen Rotwein?“, fragte Thomas die Dame. „Nein, lieber ein Mineralwasser, aber ohne Kohlensäure“, sagte sie. Da gingen die Türen auf, und ein Polizistenpärchen kam herein. Der weibliche Polizist bezog Stellung an der Tür, der männliche Polizist ging auf Thomas zu. „Probleme?“, fragte er. Thomas saß zusammen mit der Dame und dem Rentner Johannes am Tisch und trank einen Schnaps nach dem anderen. „Entschuldigung, es war ein Fehlalarm“, sagte er zu dem Polizisten. „Wissen Sie, was so ein Einsatz kostet?!“, regte sich der Polizist auf, „und wer zahlt das“?

„Ich werde nichts bezahlen“, brachte sich die Dame wieder ins Gespräch, „aus Prinzip.“ Der Polizist schimpfte noch ein bisschen, dann verließ er mit seiner Kollegin das Lokal. Die Dame wollte auch gehen.

„Kommen Sie wieder“, sagte Thomas zu ihr. „Ach, ich weiß nicht so recht, vielleicht im nächsten Jahr“, kokettierte die Dame. „Hier ist was los“, freuten sich die Rentner.