Rentner ohne Zeit

 

Без возраста

 

Ein Rentnerehepaar rief mich an, weil sie eine Putzfrau suchten.

Beide um die 70.

Sie lebten in einem Riesenhaus. Ein Bungalow von gut und gerne 400m2. Der Mann war ein bekannter Anwalt gewesen und hatte eine eigene Kanzlei gehabt. Bei meinem ersten Besuch zeigte mir seine Frau, was zu tun war.

Ich sollte jeden Mittwoch die Teppiche saugen, Küche und Bäder putzen, Betten neu beziehen, den Boden putzen und Staub wischen. Sechs Stunden. Zehn Euro pro Stunde.

Ich mochte die alte Dame sehr gern, und ich wurde behandelt wie ein Teil der Familie.

Bis eines Tages etwas geschah, das  alles veränderte.

Beide haben im Oktober Geburtstag. In diesem Jahr wurden sie 70.

Und so fragte sie mich, ob ich ihnen bei der Feier in ihrem Haus helfen könne. Ich sollte Gläser und Geschirr spülen und ein wenig beim Auf- und Abdecken helfen.

Ich sage gerne zu.

Um 12 Uhr mittags begann das Fest. Eine kleine Gesellschaft von drei weiteren Paaren und vier verwitweten Damen saß um den Wohnzimmertisch und ließ sich Kaviar-Schnittchen und Champagner schmecken.

Die Stimmung war gelöst, und man lachte viel.

Ich half in der Küche und putze zwischendurch, wenn ich nicht gebraucht wurde.

Nach zwei Stunden löste sich die Gruppe langsam auf, und eine halbe Stunde später waren alle Gäste gegangen.

Gegen 17 Uhr rief mich die alte Dame zum Kaffee. Ich hatte ihr einen Kuchen zum Geburtstag gebacken.

Ich dachte: „Mein Gott, sie sieht so gut aus für ihr Alter.“ Natürlich hatte sie etwas machen lassen.

Das tun ja mittlerweile alle.

Jedenfalls in diesen Kreisen.

Ich putze bei einigen reichen Rentnern. Da haben alle Frauen über 60 dieselben kleinen Stupsnasen und die etwas erschrockenen Augen, die entstehen, wenn man die Schlupflider liften lässt. Manche lassen sich den Hals straffen, den Busen anheben oder die Hände verjüngen.

Und Botox natürlich.

In die Stirn und um die Augen.

Wenn es gut gemacht ist, sieht es ziemlich gut aus.

Einfach frischer und jünger.

Ist doch toll.

Also sagte ich: „Sie sehen richtig jung aus!“

Und bemerkte, wie sie ein wenig pikiert die Augenbrauen hochzog und verschnupft antwortete: „Danke.“

Aber ich dachte mir nichts dabei.

Wir tranken Kaffee, aßen  Kuchen und unterhielten uns über dies und das.

Plötzlich machte ihr Ehemann völlig aus dem Blauen heraus den Kommentar: „Na, wie ist es, 58 zu sein?“

Ich lachte und wartete darauf, dass die beiden einstimmten um diesen charmanten Witz zu belohnen.

Aber das passierte nicht.

Keiner lachte.

Außer mir…

Ich verstummte.

Die meinten das ernst!

Mir war das so peinlich.

Aber ernsthaft zu denken, irgendjemand anderes hätte die rüstige alte Dame für 58 gehalten? Das wäre mir im Traum nicht eingefallen.

Es war doch auch so unnötig, auf ein jüngeres Alter zu zielen. Ich fand die Dame immer unglaublich attraktiv – weil sie so edel aussah und ein strahlendes Wesen hatte. Schönheit ist das eine, Attraktivität etwas völlig anderes. Ich habe viele Menschen gesehen, die schon waren – und mich langweilten. Ich finde, die attraktivsten Menschen sind die, die aufrecht, offen und stark durchs Leben gehen.

Alters-, Falten- oder Fettlosigkeit haben damit nichts zu tun.

Aber die Dame sah das offenbar anders.

Danach waren die beiden drei Wochen in Frankreich im Urlaub.

Während dieser Zeit bekam ich eine Anfrage zum Putzen und Babysitten. Zehn Stunden pro Woche. Ebenfalls mittwochs.

Kein Problem, dachte ich, dann kann ich zum Anwaltsehepaar ja montags gehen. Ob ich nun montags oder mittwochs putze; sie haben ja keine beruflichen Verpflichtungen mehr, und die Kinder sind auch aus dem Haus.

Aber ich hatte nicht mit dem verletzten Stolz der Anwaltsgattin gerechnet… Ich spürte ihn, als sie mich anrief:

„Übrigens, wegen der Fenster: Meine vorige Putzfrau war 70 und die hat das alleine geschafft. Sie haben immer Ihre Schwester mitgebracht. Wir sind kein Wohlfahrtsbetrieb für Ihre Familie!“

Hatte ich richtig gehört? Was war denn in die freundliche alte Dame gefahren? Ich kenne ja den Vorwurf, wir Polen würden immer unsere ganze Familie einschleusen wollen.

Ich: Wissen Sie, ich denke, wenn Sie das so sehen, sollten wir es sein lassen.

Sie: Das denke ich auch.

Ich: Das tut mir sehr leid. Sagen Sie Ihrem Mann bitte schöne Grüße.           

Daraufhin knallte sie den Hörer auf.

Es tat mir wirklich leid. Eigentlich fand ich die beiden älteren Herrschaften sehr nett.

 

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