Schlechtes Gewissen

Чувство вины

Als Regina und die Kinder das Chefarztzimmer betraten, standen Johannes und Vanessa Gilbert am Fenster. Regina nahm das erstaunt zur Kenntnis und wartete. Wartete darauf, dass er Vanessa wegschickte, aber nichts dergleichen geschah. Johannes kam auf sie zu, gab ihr steif die Hand und lud sie mit einer Geste ein, Platz zu nehmen.

Es war wie ein Alptraum für Regina. Der Mann, mit dem sie fünfzehn Jahre verheiratet gewesen war, der Vater ihrer Kinder, behandelte sie wie eine Fremde, wie eine Patientin, die zur Nachbehandlung kam. Und warum schickte er Vanessa Gilbert nicht fort? Brauchte er die Rückendeckung seiner Geliebten, wenn er seine Familie wiedersah?

„Du hättest mich benachrichtigen müssen, als das mit Carolins Bein passierte. Immerhin bin ich ihr Vater!“

„Warum hätte ich dich benachrichtigen müssen? Ein unkomplizierter Bruch, der sehr gut heilt. Ein sehr guter Arzt, der sich um das Bein kümmert. Warum sollte ich dich da bemühen?“

„Weil ich ihr Vater bin und ein Recht habe, so etwas zu erfahren!“

„Du hast auch das Recht, deine Kinder zu sehen. Seit zwei Monaten leben wir getrennt, seit zwei Monaten haben deine Kinder nichts von dir gehört. Ich dachte, es interessiert dich nicht, wie es deinen Kindern geht.“

„Ich hatte keine Zeit. Ich habe heute mit dem Klassenlehrer der beiden Großen telefoniert. Mit Katharina scheint ja soweit alles in Ordnung zu sein. Aber mit Andres… Das geht so nicht! Seine Noten sind verheerend! Aber dich scheint das nicht zu beunruhigen.“

“Nein, es beunruhigt mich nicht. Seine Noten sind nicht schlechter, als sie immer schon waren. Und er wird nie ein Streber werden, damit hatten wir uns doch längst abgefunden, oder nichts?“

Johannes sah von Katharina zu Carolin. „Wolltet ihr nicht einen Krankenbesuch machen?“

„Ich nicht, die Carolin“, antwortete Katja.

„Es wäre mir recht, wenn du sie begleitest. Ich möchte mit eurer Mutter noch etwas besprechen – unter vier Augen, also bitte!“

„Geht nur“, sagte Regina. „Zimmer 214. Ich hole euch später dort ab.“

Als die Mädchen gegangen waren, sah sie von Johannes zu Vanessa.

„Unter vier oder unter sechs Augen?“ fragte sie.

„Es geht Vanessa ebenfalls an. Wir wollen heiraten. Und zwar so schnell wie möglich. Es geht um Andres, wir wollen ihn zu uns nehmen.“

“ Ihr wollt was?

„Regina… Andres steckt mitten in der Pubertät, er macht eine schwierige und wichtige Entwicklungsphase durch – und das in einem Frauenhaushalt! Er lebt mit zwei Frauen und zwei Mädchen zusammen. Kein Mann, an dem er sich orientieren könnte!

Regina fühlte Panik in sich aufsteigen. Er will mir Andres nehmen! Aber dann beruhigte sie sich wieder.

„Wir können frühestens in neun Monaten die Scheidung einreichen. Bis dahin bleibt der Junge sowieso bei mir. Und dann liegt die Entscheidung beim Richter, und er hat die Pflicht, die Wünsche des Jungen zu berücksichtigen – immerhin ist Andres bald fünfzehn Jahre alt. Und um ehrlich zu sein, ich kann mir nicht vorstellen, dass Andres bei dir und Frau Gilbert leben möchte.“

„Wir werden ja sehen. Mein Anwalt meint, die Sache stünde gar nicht so schlecht für mich.

„Wenn Andres bei dir leben möchte, dann werde ich seine Entscheidung respektieren. Wenn er bei mir und seinen Schwestern leben möchte, dann bitte, Johannes, respektiere du das ebenfalls.“

„Nein. Ein Vierzehnjähriger handelt nach Gefühlen, nicht nach Verstand und bestem Wissen. Er weiß nicht, was das Beste für ihn ist!“

„Und du weißt, was das Beste für ihn ist? Das ist dir ja prima gelungen! Eine halbe Stunde mit dir und alles ist  aus den Fugen geraten. Katja heult. Carolin erzählt, dass ihr Papi ganz böse war und sie gar nicht mehr liebhat. Andres ist außer Rand und Band. Du zerstörst den letzten Rest von Vertrauen. Warum? Und ich weiß warum. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass es dir gar nicht um Andres geht, sondern eben um dein schlechtes Gewissen.“

Dann fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.