Sue

Зуе

Sie war wunderschön, Chinesin, und angeblich aus Kanada. Wäre ich zwanzig Jahre jünger und sie zehn Jahre älter gewesen, ich hätte nicht nur nach ihrem Namen gefragt: Sue.

Wir trafen uns täglich. Sie tippte Briefe, und ich hatte im selben Unternehmen einen dieser Aushilfsjobs für Schüler, Studenten oder Rentner: Kleine Botengänge, Post öffnen oder kuvertieren, frankieren.
Sie kam um elf, hatte einen vorstehenden, apfelförmigen Hintern und sprach nur Englisch. Meine Verständigungsschwierigkeiten versuchte ich durch permanentes Grinsen zu überspielen. Vermutlich hielt sie mich für debil oder senil.
Anweisungen für die täglichen Aufgaben erhielt ich schriftlich. Der Zettel lag in meiner Schreibtischschublade, und freitags fand ich dort auch mein Geld.

Eigenartig war schon, dass sich in dem Laden so gut wie niemand blicken ließ. Keine Kunden, keine weiteren Angestellten, obwohl die ganze erste Etage mit wohl zwanzig voll ausgestatteten Büroräumen belegt war. Schreibtische, Besuchersessel, Aktenschränke, leichte Unordnung, so als würde verdammt hart gearbeitet werden. Keine Telefonanrufe.
Drei Räume waren verschlossen. „Können Sie mir verraten, Sue, was da drin ist?“ Achselzucken und ein Lächeln, das einfach umwerfend war. Sie bot mir Tee an.
Ich machte mich nicht tot, konnte während der Arbeitszeit tausend Privatsachen erledigen, telefonieren. Abends schleppte ich tonnenweise Büromaterial nach Hause. Ein kleiner Nebenverdienst.

Eine Tages tauchte Eckstein auf. Er hatte ein braungebranntes, altersloses Gesicht. Er drückte mir fünfzig Euro in die Hand, die er aus einem Bündel zusammengerollter Scheine zog, das mit Gummiband umwickelt in seiner Hemdtasche steckte. „Falls jemand kommt, bezahl ihn.“
Er begrüßte Sue besitzergreifend und verschwand mit ihr in einem der Büros.
Den Kerl konnte ich nicht leiden!

Die Woche darauf lernte ich Cambetta kennen. Italo-Amerikaner, volles, schwarzes Haupthaar, Seidenanzug. „Hier, tüte den Spaß ein, aber möglichst schnell. Time is money, ha, ha!“
Ein Packen Prospekte, Einladungskarten und ein Stapel selbstklebender Adressen. Ich ließ mir Zeit, studierte die Aufkleber und Prospekte. Nur das Feinste vom Feinen, allererste Adressen! Schlagestars und Filmsternchen, Politiker, Größen der Wirtschaft und Verwaltung, Zahnärzte, Geldsäcke. Die nobel gestulten Prospekte versprachen die Verwirklichung eines Traums im fernen Florida: Real Estate – Ihr Grundstück im Sonnenstaat! Na ja, nun glaubte ich zu wissen, worum es ging.

Mein Aufgabengebiet wurde erweitert. Flugtickets sollte ich besorgen und Reisetaschen, immer das gleiche Modell.
An einem Dienstag, bevor Sue auftauchte, gelang es mir, das Schloss von einem der drei Räume zu öffnen. Es verschlug mir fast die Sprache. Auf gut und gern dreißig Quadratmetern war das Modell einer Stadt aufgebaut. Hundert, ach was, Hunderte von Villen, jede mit einem Anleger für Yachten, ein Gewirr von Wasserstraßen, Golfplätze, Shopping-Center, Restaurants und Flughafen. Jedes Objekt war nummeriert und von einer Schalttafel aus zu beleuchten. Ich spielte an den Knöpfen wie jemand, der seine elektrische Eisenbahn im Schlafzimmer aufgebaut hat.
Jetzt wurde ich mutiger. Zwei Tage später öffnete ich den zweiten verschlossenen Raum. Ein Kino; Clubsessel, Sektbar. Ich ließ den Film ablaufen. Ein Mann, der viel besser Deutsch sprach als Eckstein oder Gambetta, erzählte von der Urbarmachung der Sümpfe Floridas, von einer Stadt, die aus dem Nichts entstehen würde, von einem Paradies auf Erden, von der besten Geldanlage im freien Westen, von Steuerfreiheit und großem Glück.
Am nächsten Tag bat ich um Lohnerhöhung und wurde gefeuert.

Wochen später erschienen Gambetta und Eckstein im Fernsehen. Flughafen Zürich. Da hatte man sie geschnappt. Millionenbeträge sollen sie ins Ausland transferiert haben, in diesen Reisetaschen, die erkannte ich wieder. Jede Woche ungefähr eine Million. Ein halbes Jahr lang.

Die Tagesschausprecherin mit dem kleinen Mund bedauerte, dass die genaue Summe wohl nie würde ermittelt werden können, denn die Käufer hätten auch ihre Probleme mit dem Finanzamt. So ein Häuschen in Florida! Das Dumme war nur, dass es diese bloß im Modell gab, nummeriert, beleuchtet, begehrt. Da musste man sich schnell entscheiden, die Anzahlung gleich bar auf den Tisch legen.
Ich habe jetzt einen Job als Packer in einem Unternehmen, das Öljacken aus Korea importiert. Die Sekretärin heißt Frau Friesel und ist 58. Von Sue habe ich nie wieder etwas gehört. Sie war wunderschön und angeblich Chinesin, aus Kanada.