Tagebuch

Höhere Schule

Von  Markus Maria Profitlich

  1. September 1974

Heute hab ich meinen ersten Tag in der neuen  Schule. Eine Realschule, wie meine alte Schule auch. Bin in die siebte Klasse gekommen. Vom Alter her hätte ich in die achte Klasse gekonnt.  Von meinen schulischen Leistungen her nicht. Schule war noch nie so mein Ding.

In der ersten Stunde haben wir Englisch. Drücke mich in die letzte Bank und mache mich klein. Der Englischlehrer, Mister Oldfield, findet mich trotzdem und meint, ich solle mich mal vorstellen.

„Hallo, mein Name ist Markus…“

„In Englisch, please!“

«Hallo, my name is Marcus Mariah Profitlick.

„Markus, where do you live?“

Verdammt, was heißt Siegburg auf Englisch?

„I am living in Germany!

Ich darf mich setzen. Mister Oldfield schaut mich verächtlich an und schreibt etwas in seinen Notizblock. Dann schlagen wir die Bücher auf. Ein Mitschüler fängt an zu lesen. Verstehe kein Wort. Die Ansprüche in dieser Schule scheinen etwas höher zu sein als in meiner alten Schule. Obwohl ich in meiner alten Schule auch nicht so viel verstanden habe. Englisch  ist eben nicht mein Ding. Schule übrigens auch nicht. Ich schau auf die Uhr.  Noch vier Minuten. Dann wendet sich Mister Oldfield an mich.

„Markus, please read! Page four!“

Schlage Seite vier auf. Immerhin. Das hab ich verstanden. Ich starre auf die fremdartige Worte in meinem Buch und beginne zu lesen.

„STOP!“

Scheint ganz gut gewesen zu sein.

„And now, Markus, translate, please!“

Übersetzen? So kurz vor Ende? Muss Zeit gewinnen. Zuerst bekomme ich einen Hustenanfall. (Den Trick habe ich von Opa.) Mister Oldfield steht neben mir und guckt mich streng an. Versuche möglichst unschuldig zu wirken.

„Welchen Satz soll ich noch mal übersetzen?“

Noch zwei Minuten. Es hilft nichts. Weiche auf die alte  „ich muss mal“-Notlüge aus und frage, ob ich mal austreten darf.

Natürlich in lupenreinem Englisch.

„Can I kick off?“

„WHAT?“

„ Ähm… piss… piss off!“

Bekomme einen Eintrag ins Klassenbuch. Dann klingelt es. In der kurzen Pause werde ich gefeiert. Wie ich es dem alten Oldfield gegeben hätte. Wow!  Das hätte sich noch keiner getraut. Verstehe nur Bahnhof.

Zweite Stunde. Deutsch. Zwänge mich wieder in die letzte Reihe und mache mich extra klein. Trotzdem kommt Tattenberg direkt auf mich zu.

„Aha. Ein neuer Schüler. Ob er sich wohl mal vorstellen möchte?“

Ich weiß nicht, von wem Tattenberg redet.. Antworte deshalb:

„Das weiß ich nicht. Da sollte man ihn am besten selber fragen.“

Tattensbergs Grinsen friert ein. Sein Gesicht bekommt einen Ausdruck, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen kann. Seine Stimme wird sehr leise.

„So, so… große Klappe hat das Bürschen. Das werden wir ihm noch austreiben, nicht wahr?“

„Genau. An seiner Stelle würde ich die Klappe nicht so weit aufreißen.“

PANG! Sofort fang ich mir eine Ohrfeige.

Im weiteren Verlauf der Stunde lernen wir Grammatik. Den Unterschied zwischen Perfekt und Plusquamperfekt. Wir sollen Beispiele nennen. Zeige auf.

„Perfekt: Ich habe eine Ohrfeige bekommen. Plusquamperfekt: Ich hatte eine Ohrfeige bekommen.“

Tattenberg schielt mich an und kommt langsam auf mich zu.

„Fleißig, fleißig, der gute Markus. Dann wird er uns sicher auch Futur zwei benennen können.“

Kann er nicht. Tattenberg erklärt es ihm.

„Du wirst eine Ohrfeige bekommen haben!“

PANG! Zweite Ohrfeige.

Lege keinen Wert mehr auf Tattenbergs  bildhaften Unterricht und halte im weiteren Verlauf der Stunde den Mund.

Dritte Stunde. Mathematik bei Frau Salaki, deren Körper mich unweigerlich an eine Birne erinnert. Diesmal setz ich mich in die erste Reihe. Der Trick scheint zu klappen, denn Frau Salaki nimmt keinerlei Notiz von mir. Sie verteilt  Zettel mit einer Aufgabe, die wir lösen sollen. Ich schau auf meinen Zettel. Drehe den Zettel um. Nirgendwo findet sich ein Hinweis, wie man diese Aufgabe lösen könnte. Male irgendeine Kurve auf den Zettel und vertreibe mir die restliche Zeit.

Frau Salaki bittet mich an die Tafel. Ich sei ja offensichtlich schon fertig und könnte die Aufgabe doch mal an der Tafel lösen. Dann liest sie weiter. Noch mal Glück gehabt.

Gehe zur Tafel und klappe sie auf.  Von der Tafel guckt mich die Zeichnung einer dicken Frau an. Einer nackten dicken Frau. Nicht besonders schön.  Außerdem steht es in dicken Lettern direkt darüber. „Frau Salaki“. Und dann steht da noch „ist eine dicke Kuh.“ Suche einen Schwamm, um das Kunstwerk wegzuwischen. Kein Schwamm in Sicht.

Die Tür öffnet sich und Mister Oldfield kommt  zusammen mit einem anderen Mann herein.

Mister Oldfield schaut auf die Tafel. Der Mann schaut auf die Tafel. Frau Salaki schaut auf die Tafel.

Um die Situation etwas aufzulockern, stell ich mich vor.

„Hello, my name is Marcus Mariah Profitlick. Ähm… how do you do?“

In der vierten und fünften Stunde hat unsere Klasse Geschichte und Erdkunde. Ich nicht, denn ich sitze im Zimmer  von Oberstudienrat Meurer und höre mir einen lauten Vortrag über Verrohung und sittlichen Verfall an. Und dass ich ein asoziales Element sei.

Mittags schleiche ich mit zittrigen Knien nach Hause.  Habe jetzt schon Angst vor dem nächsten Schultag. Schule war nie mein Ding und wird es wohl auch nie werden.